13. November: Christina Wilhelmina von Grävenitz wird am 13. November 1707 als morganatische Ehefrau des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg präsentiert


Vermutliches Miniaturporträt der Christina Wilhelmina von Grävenitz von Catharina Elisabeth de Quitter,1721
Waren einflussreiche Frauen an den absolutistischen Höfen, wie Christina Wilhelmina von Grävenitz, so etwas wie Vorreiterinnen der Emanzipation? Eine wissenschaftliche Brille, die die Fehlsichtigkeit im Hinblick auf die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern am Hof korrigiert, hilft bei der Einschätzung.

Am 13. November 1707 provozierte das Hoffräulein Christina Wilhelmina von Grävenitz mit ihrem ersten öffentlichen Aufritt als Ehefrau des Herzogs Eberhard Ludwig einen reichsweiten Skandal, war ihr frischgebackene Ehemann doch bereits seit 1697 standesgemäß mit der badischen Prinzessin Johanna Elisabetha verheiratet.

Wie sich herausstellen sollte, war die Präsentation der morganatisch angetrauten und zur Gräfin von Urach erhobenen herzoglichen Zweitfrau an jenem Novembertag nur die fulminante Auftaktszene eines über viele Jahre und vor aller Öffentlichkeit aufgeführten atemberaubenden Schauspiels. Zwar hatte die Ehe von Christina Wilhelmina von Grävenitz und Eberhard Ludwig von Württemberg keinen rechtlichen Bestand, aber die Liaison der beiden war deshalb keineswegs zu Ende. Mehr noch: Christina Wilhelmina von Grävenitz etablierte sich trotz des Skandals als unangefochtene herzogliche Favoritin. Fast ein Vierteljahrhundert brillierte sie im Machtzentrum des Herzogtums in der Rolle einer femme fatale und skrupellosen Intrigantin, der nichts so sehr am Herzen lag wie Eigennutz. Ohne sie lief nichts am Hof – bis sie über eigene Hybris stolperte und, vielleicht mehr noch, dem Zahn der Zeit Tribut zollte, der ihre „Geschäftsgrundlage“, nämlich die körperliche Attraktivität, zerstörte. So liest sich – zugegebenermaßen in sehr holzschnittartiger Verkürzung – die Biographie dieser Mätresse in der (ein-)gängigen Landesgeschichtsschreibung.

Mittlerweile findet sich allerdings eine Lesart 2.0, nach der die Grävenitz eine „Powerfrau“ war, eine gewiefte Machtpolitikerin, die sich auf unnachahmliche Weise im Haifischbecken der höfischen Gesellschaft behauptete und ungewöhnlich lange dem ihr entgegenschlagenden Konkurrenzneid trotzte.

Sowohl die Dämonisierung als „Landverderberin“ als auch die Glorifizierung zur „Karrierefrau“ spiegeln weit mehr Klischees wider, als dass derartige Etikettierungen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen über die „legendäre“ Macht einer Mätresse wie Christina Wilhelmina von Grävenitz führen.

Mehr Erkenntnisgewinn bringt dagegen die Betrachtung des Hofes als eigentümliches Beziehungsgeflecht, dessen Knotenpunkte sehr spezifische Positionen mit sehr unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten bilden. Dazu kommt die Analyse des typisch höfischen Interagierens und Kommunizierens. Mittels dieses an Norbert Elias angelehnten Modells der „Figurationsanalyse“ ergibt sich in aller Kürze folgende Interpretation des Geschehens am 13. November 1707.

Eberhard Ludwig von Württemberg demonstrierte damals weniger absolutistische Willkür als vielmehr den unbändigen Willen, sich aus den Fesseln dynastischer Ehepolitik zu befreien, die ihn an Herzogin Johanna Elisabetha und das Haus Baden band. Für diese Annahme spricht, dass er sich vehement mit dem Verweis auf frühere Bigamien bzw. Scheidungen in Fürstenhäusern rechtfertigte. Seine Position im Kreis der Reichsfürsten war allerdings nicht stark genug, um seine Absicht durchzusetzen. Immerhin aber kam nach zähen Verhandlungen ein Agreement zustande, das es dem Fräulein von Grävenitz erlaubte, ganz offiziell in seiner Nähe zu bleiben.

Das Fräulein wiederum erkannte in der Proklamation zur morganatischen Ehefrau des Herzogs offensichtlich mehr Chancen als Risiken. Dieser Coup versprach, den Ruch einer prinzipiell strafbaren außerehelichen Liebesbeziehung abzuschütteln. Außerdem bedeutete er für eine Angehörige des niederen Hofadels einen beachtlichen gesellschaftlichen Aufstieg.

Kurz und bündig: Diese Aufsehen erregende Liaison brach anfänglich eben nicht mit allen Konventionen, sondern zeichnet sich durch den Rückgriff auf ein altes, überkommen geglaubtes Modell fürstlicher Geschlechterbeziehungen aus.

Weiterführende Literatur und Quellen:

Oßwald-Bargende, Sybille: Die Mätresse, der Fürst und die Macht. Christina Wilhelmina von Grävenitz und die höfische Gesellschaft. (Geschichte und Geschlechter, 32). Frankfurt/Main: Campus Verlag, 2000

Bildquelle:

Landesmuseum Württemberg, Inventarnr. WLM 1657

Autorin: Sybille Oßwald-Bargende