29. November: Gertrud Müller, geb. Wieland (1915–2007)
Gesellschaftskritikerin und Antifaschistin


Gertud Müller
Drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Gertud Müller als KZ-Überlebende zur Vorsitzenden der Lagergemeinschaft des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück gewählt. Von 1979–1997 setzte sie sich hier neben ihren späteren Aufgaben als Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrückkomitees für die gesellschaftliche, politische und juristische Wiedergutmachung ihrer Leidensgenossinnen ein. Die auf das Recht des Widerstands Beharrende sah sich in ihrem tolerant politischen Handeln in der kommunistischen Weltanschauung aufgehoben.

Mitten im Ersten Weltkrieg wurde Gertrud Wieland am 29. November 1915 in Feuerbach geboren. Ihre Eltern, die Mutter Katharina Aspacher und ihr dann an der Front verwundeter Vater Emil Wieland lebten hier in bescheidenen, beengten Verhältnissen und wurden entschiedene Kriegsgegner.

Acht Jahre durfte Gertrud die Volksschule und dann auf einer Freistelle die Städtische Handelsschule besuchen, bevor sie bei verschiedenen Firmen bis 1942 als Kontoristin arbeitete. Zusammen mit ihrem ein Jahr jüngeren, 1914 geborenen Bruder Emil und ihrer 1919 geborenen Schwester Klara wurde sie in ihrer kommunistisch orientierten Familie schon früh politisch eingebunden. Als Mitglied des kommunistischen Kinderverbands siebzehnjährig zum ersten Mal verhaftet, wurde sie jedoch nach kurzer Zeit aus dem Stuttgarter Frauengefängnis entlassen und durfte weiterhin die Handelsschule besuchen.

Bei einer der ersten Massenverhaftungen von Regimegegnern wurden im März 1933 der Vater, der Bruder und ein Vetter verhaftet. Trotz ständiger Überwachungen, Hausdurchsuchungen und Bespitzelungen versuchten die Jugendlichen weiterhin mit Flugblättern und Wandparolen die Mitmenschen über den drohenden Faschismus aufzuklären. Ende 1933 wurde auch Gertrud verhaftet, wurde aber aufgrund ihrer vermuteten „jugendlichen Dummheit“ bald wieder aus der Untersuchungshaft in Cannstatt entlassen.

1942 wurde sie denunziert. In Weilimdorf hatte sie zusammen mit ihrem Freund Hans Müller ein Arbeitslager für russische Fremdarbeiterinnen entdeckt und versucht, Brot einzuschmuggeln. Mit Hans, den sie in der Jugendgruppe kennengelernt und 1937 geheiratet hatte, kam sie deshalb wegen „Abhören eines feindlichen Senders, Werkspionage und erschwerter Vorbereitung zum Hochverrat“ in Schutzhaft. Hans Müller wurde bis Kriegsende im Gefängnis festgehalten und misshandelt. Bis zu seinem Tod 1984 ist er nie mehr mit dieser Vergangenheit fertig geworden.

Auch Gertrud Müller wurde von der Gestapo tagelang verhört und nach zwei Wochen in das sogenannte „Arbeitserziehungslager“ Rudersberg verbracht.

Als ihr an der russischen Front stationierter Bruder Emil erfuhr, dass seine Eltern, seine Schwester und sein Schwager verhaftet waren, reichte er ein Urlaubsgesuch ein. Daraufhin wurde die Lagerinsassin in die Gestapozentrale „Hotel Silber“ nach Stuttgart transportiert. Die beim Verhör misshandelte und zum Schweigen verpflichtete Gertrud durfte nur kurz ihren entsetzten Bruder und ihre dort inhaftierte, gealterte, gedemütigte Mutter sehen. Umgehend von der Gestapo ins Gefängnis Cannstatt gebracht, wurde sie dort dreizehn Monate lang in Einzelhaft gesteckt, dann ins KZ Ravensbrück und danach ins weniger berüchtigte KZ-Lager Geislingen verlegt. 

Am 10. April 1945 wurde dieses KZ -Lager nach München-Allach, einem Außenlager von Dachau „evakuiert“. Dort wurde Gertrud Müller mit ihren Mithäftlingen am 30. April von amerikanischen Truppen befreit.

Nach all ihrem überstandenen Leid wollte sie nun endlich verhindern, dass jemals wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgeht. Der Kalte Krieg der fünfziger Jahre führte zum Verbot der KPD. Doch Gertrud Müller setzte sich als Zeitzeugin weiter für die geschichtliche Aufarbeitung ein: 1983 wurde endlich eine mit Spenden finanzierte Gedenktafel an die Häftlinge des Arbeitslagers Rudersberg genehmigt  und im Mai 1988 konnte der jährliche Kongress der Lagergemeinschaft zum ersten Mal in der Bundesrepublik stattfinden.

Ihre Wachsamkeit als Demokratin, die jegliche Missachtung menschlicher Würde verurteilte, half ihr nicht zu resignieren: Der Widerstand gegen die Raketenstationierung in Mutlangen 1987,  der Besuch der  Weltfrauenkonferenz in Moskau im selben Jahr, ihre Mitarbeit bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Stuttgart stärkten sie. Am 25.5.2007 ist die Wegelagerin der Unbelehrbaren im Alter von 91 Jahren in Stuttgart verstorben.

Weiterführende Literatur und Quellen:
Geyken, Frauke: Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler, München 2014.

Müller, Gertrud: die erste Hälfte meines Lebens. Erinnerungen 1915-1950. Nach Gesprächen aufgezeichnet von Michael Nolte und Ursula Krause-Schmitt, hrsg. von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., Renchen 2004.

Riepl-Schmidt, Maja (d. i. Mascha): Gertrud Müller, geb. Wieland – Ein Leben im Widerstand, in: Dies.: Wider das verkochte und verbügelte Leben, Frauenemanzipation in Stuttgart seit 1800, 2. Aufl. Stuttgart/Tübingen 1998, S. 291–295.

Bildquelle: Mascha Riepl-Schmidt

Autorin: Mascha Riepl-Schmidt