Denk-Tage

2020 feiert Freiburg seinen 900sten Geburtstag, Ebersbach an der Fils ist 850 Jahre zuvor zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden. Der Hinrichtungstag des Jesuitenpaters Alfred Delp, Mitglied des Kreisauer Kreises, jährte sich am 2. Februar zum 75sten mal. 50 Jahre ist es her, dass ein Volksentscheid sich für die Beibehaltung des Landes Baden-Württemberg entschied. Und die Frauen? Wer weiß schon, dass Marianne Weber, die Frauenrechtlerin, feministische Schriftstellerin und badische Landtagsabgeordnete, am 2. August 150sten Geburtstag hat?

Frauen & Geschichte will mit der Rubrik Denk-Tage einen virtuellen Raum eröffnen für die Erinnerung an Frauen in Baden und Württemberg, an Ereignisse, Kämpfe und Siege mit Bedeutung für weibliche Lebensbedingungen und Handlungsspielräume.
Wir hoffen auf viele Beiträge, die wir gerne mit Ihrem Namen versehen hier veröffentlichen. Auch Texte von Nicht-Mitgliedern können angenommen werden, sofern diese mit den Zielen und den Ideen des Vereins übereinstimmen. Die Essays sollen maximal 4.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) umfassen. Sie können mit gemeinfreien Bildern (mind. eines) gestaltet werden. Eine sprechende Überschrift und ein zweizeiliger Teaser sind erwünscht. Bitte keine Fußnoten, aber gerne ein Hinweis auf weiterführende Lektüre. Die Beiträge bitte schicken an: info@frauen-und-geschichte.de.

17. Juni: Berta Ottenstein (1891-1956)
Dermatologin und Wissenschaftspionierin, von den Nazis ins Abseits katapultiert

Berta Ottenstein war Deutschlands erste Dozentin für Dermatologie und die erste habilitierte Frau in Freiburg. Als Jüdin wurde sie von der Universität vertrieben und in die Emigration gezwungen, wo sie zwar noch anerkannte „Pionierleistungen“ vollbringen konnte, jedoch nie ein gesichertes Auskommen hatte.

7. Juni: Das NEIN im badischen Landtag zum Antrag auf Einführung des Frauenstimmrechts

Am 7. Juni 1918 stimmte die Zweite Kammer des Badischen Landtags mit „großer Mehrheit“ gegen den Antrag der Fortschrittlichen Volkspartei, das Frauenwahlrecht für die Landtagswahlen einzuführen. Wie die Zeitschrift für Frauenstimmrecht in der Ausgabe vom 15. August 1918 resümierte, waren in der vorausgegangenen Debatte vor allem altbekannte Phrasen zu hören: „Sogar die drei Worte: Kinder, Küche, Kirche traten wieder aus der Versenkung auf“.

1. Juni: Anna von Hohenlohe (Weinsberg) (1370–1434)
Eine hochadlige Dame im deutschen Südwesten im Spätmittelalter

Wie viele ihrer Zeit- und ihrer Standesgenossinnen verfügte Anna von Weinsberg († 1. Juni 1434) als edle Frau aus dem hochadligen Hause Hohenlohe über Ressourcen und Beziehungen, um an politischen Aktivitäten ihrer Familie teilzuhaben. Ihr Wirkungsraum erwuchs aus ihren verwandtschaftlichen Verbindungen und dem Status ihres Ehemannes Konrad von Weinsberg als hohem Reichsbeamten.

27. Mai: „Ein noch nie dagewesenes Unternehmen“
Febronie Rommel und die Gründung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen Vereins am 27. Mai 1890

Lehrerinnen waren keine „alten, verbitterten Jungfern“, die still vor sich hin lebten und litten, sondern aktive Frauen und engagierte Pädagoginnen, die ihre Interessen vertraten, sehr gut vernetzt waren und sich für eine verbesserte Mädchen- und Frauenbildung engagierten. Eine davon war Febronie Rommel.


16. Mai: Dr. Dorothee von Velsen (1883–1970)
Einflussreiche Frauenrechtlerin, promovierte Historikerin und liberale ‚Weltbürgerin

Am 16. Mai 1970 starb Dr. Dorothee von Velsen. Die gebürtige Oberschlesierin, die in Berlin zur liberalen Frauenbewegung um Helene Lange (1848–1930) und Gertrud Bäumer (1873–1954) fand und Karriere in inter-/nationalen Frauenbewegungs-organisationen machte, knüpfte autobiografische Erinnerungen an Baden. Während sie selbst unermüdlich weiblicher Leistungen gedachte, geriet ihr Name in Vergessenheit: Wer war die einst inter-/national als ‚weltoffen‘ geschätzte Vordenkerin?

9. Mai: Anna von Baumgarten (1527–1592)
Kaufmannsehefrau, Regentin der Herrschaft Erbach (Donau) und Vielschreiberin

Eigentlich war sie, die in Erbach residierende, vehement um das Erbe ihrer Familie kämpfende steirische Adelige, fast vergessen. Anlässlich der Abfassung eines Findbuchs über das Archiv der Herren von Baumgarten wurde sie wieder entdeckt.

26. April: Adelheid Steinmann (1866–1925)
Bildungspolitikerin und Frauenrechtlerin

Als Vorstandsmitglied des Freiburger Ortsverbands des Vereins „Frauenbildung–Frauenstudium“ zog die Professorengattin 1899 alle Register, um Frauen im Großherzogtum Baden den Weg zum gleichberechtigten Studium zu ebnen. Später war sie als Vorsitzende des Gesamtvereins an allen weiteren Universitätsöffnungen in Deutschland mindestens indirekt beteiligt. Ihr Kampf galt auch dem Frauenstimmrecht. Kaum war dieses erreicht, ließ sie sich in Bonn zur Stadtverordneten wählen und bekleidete dieses Amt bis kurz vor ihrem Tod.

23. April: Bertha Thalheimer (1883–1959)
Politikerin, Journalistin, Frauenrechtlerin

Bertha Thalheimer war eine linke Politikerin, eine Journalistin, eine Frauenrechtlerin. Sie war mit Rosa Luxemburg und Clara Zetkin befreundet und starb am 23. April 1959.

22. April: Marie Bernays (1883–1939)
Sozialforscherin und Frauenrechtlerin

Marie Bernays gehört zu dem Kreis der Wissenschaftlerinnen im späten Wilhelminischen Kaiserreich, die einen großen Beitrag zur Entwicklung von Sozialforschung und professioneller Sozialarbeit leisteten. Als Nutznießerin des Kampfes der Frauenrechtlerinnen für das Frauenstudium war sie eine der ersten Promovendinnen an der Universität Heidelberg. Für die Frauenbewegung und die politische Partizipation von Frauen in der Weimarer Republik einzutreten, war für die Leiterin der sozialen Frauenschule in Mannheim selbstverständlich.

12. April: Thekla Kauffmann (1883–1980)
Frauenrechtlerin und Landtagsabgeordnete des Freien Volkstaats Württemberg 1919/20

Der frauenbewegten Landtagsabgeordneten der ersten Stunde, der Sozialbeamtin und Emigrationsbeauftragten Thekla Kauffmann, gelang es vor 80 Jahren, im April 1941, als eine der letzten jüdischen Bürger*innen dem Naziregime zu entkommen, bevor am 1.10. der Ausreisestopp und im Dezember die Deportationen der jüdischen Bevölkerung in den Osten umgesetzt wurden.

1. April: Augusta (Gusta) Rath (1885–1983)
Frühe Studentin, vielseitig engagierte Ärztin

In Heilbronn blieb sie über den Tod hinaus als eine sehr tüchtige, anteilnehmende Ärztin in Erinnerung, die lange Arbeitstage und -wege nicht scheute, um ihren Patientinnen und Patienten zu helfen. Geboren wurde Augusta Rath geb. Kiesselbach, deren Rufname Gusta lautete, am 1. April 1885 in Erlangen und wuchs dort mit einer Mutter auf, die eine aktive Frauenrechtlerin war.

20. März: Alice Bensheimer (1864–1935)
Frauenrechtlerin und Lokalpatriotin

Über ein Vierteljahrhundert war Alice Bensheimer die Schriftführerin des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF). Vielen frauenbewegten Zeitgenossinnen galt sie als graue Eminenz des BDF. Die engagierte Netzwerkerin verband Frauenrechtlerinnen über alle parteipolitischen Grenzen und frauenpolitischen Lager hinweg. Wie viele Weggenossinnen geriet sie während des Nationalsozialismus ins gesellschaftliche Abseits. Am 20. März 1935 starb sie in ihrer Heimatstadt Mannheim.

17 . März: Ella Gertrud Ehni, geb. Mayer (1875–1952)
Weltbürgerin, Demokratin, Vorkämpferin für Frauenrechte und Mädchenbildung

Die Weltbürgerin, Demokratin, Vorkämpferin für Frauenrechte und Mädchenbildung Ella Ehni hatte in den bildungs-, frauenpolitischen, kulturellen und sozialen Zusammenhängen Stuttgarts eine wachsam engagierte und zentrale Stellung.

8 . März: Der erste Internationale Frauentag in Europa am 19. März 1911

Am 19. März 1911 fand in Europa erstmals der Internationale Frauentag statt, dessen Wurzeln in der amerikanischen Arbeiterbewegung lagen. Die Idee war, dass die Frauen selbst um ihre Rechte und um ihre gleichberechtigte Stellung in der Gesellschaft kämpfen sollten. Clara Zetkin (1857-1933), die seit 1890 in Stuttgart lebte, war die treibende Kraft für die Durchführung dieses ersten Internationalen Frauentags in Europa, der unter dem Motto „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ stand.

28. Februar: Johanna Kappes (1879–1933)
Sie war die Erste: Beginn des „ordentlichen“ Frauenstudiums in Deutschland am 28. Februar 1900

Als Johanna Kappes in Freiburg die entscheidende Petition für ihre Zulassung als gleichberechtigte Studentin verfasste, ging sie ein hohes Risiko ein. Doch sie wurde nicht von der Universität verbannt, sondern konnte ihr Medizinstudium mit Erfolg abschließen und über viele Jahre in Nürnberg als niedergelassene Ärztin wirken.

30. Januar: Elsi Ascher-Schütz (1895–1976)
Erste Gemeinderätin im Enzkreis

Nach der NS-Diktatur ohne Wahlmöglichkeit fanden am 30. Januar 1946 in Württemberg-Baden Kommunalwahlen statt, bei denen erstmals seit Einführung des Frauenwahlrechts 1919 auch in Mühlacker vier Frauen kandidierten. Elsi Ascher-Schütz wurde als einzige in den Gemeinderat gewählt.

2. Januar: Käthe Vordtriede (1891–1964)
Journalistin und Sozialistin

Die Freiburgerin Käthe Vordtriede vereinigte sämtliche „Eigenschaften“, die bei den Nazis als verwerflich galten – sie war Jüdin, Sozialistin und Journalistin, intelligent und selbstbewusst. Dass sie ohne Mann lebte und ihre beiden Kinder allein erzog, vervollständigte in den Augen der braunen Kleingeister das Szenario der Widerwärtigkeiten.

25. Dezember: Lena Maurer (1904–1990)
Landtagsabgeordnete und Stadträtin

„Engel von Schönau“ wurde Lena Maurer (1904–1990) wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für die Menschen des Mannheimer Arbeiterstadtteils oft genannt. Die langjährige SPD-Landtagsabgeordnete mochte diesen Beinamen selbst aber nicht. Sich um die Alltagsnöte der Familien in der Nachkriegszeit zu kümmern, war für sie eine Selbstverständlichkeit.

24. Dezember: Stefie (Stefanie) Restle (1901–1978)
Sozialistische Politikerin, Gewerkschaftlerin und Pazifistin

Stefie Restle sah im selbstbestimmten, Aufmerksamkeit fordernden Arbeiten für Frieden und soziale Gerechtigkeit ihre Lebensaufgabe. Während der sozialen Wirren der Nachkriegszeit arbeitete die Sozialdemokratin von 1947–1951 als Stadträtin in Stuttgart. Als Landtagsabgeordnete verfolgte sie ab 1950 zuerst im Landtag Württemberg-Baden und dann von 1952–1968 im Landtag Baden-Württemberg ihre sozial-, gesellschafts- und kulturpolitischen Ziele

29. November: Gertrud Müller, geb. Wieland (1915–2007)
Gesellschaftskritikerin und Antifaschistin

Drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Gertud Müller als KZ-Überlebende zur Vorsitzenden der Lagergemeinschaft des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück gewählt. Von 1979–1997 setzte sie sich hier neben ihren späteren Aufgaben als Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrückkomitees für die gesellschaftliche, politische und juristische Wiedergutmachung ihrer Leidensgenossinnen ein. Die auf das Recht des Widerstands Beharrende sah sich in ihrem tolerant politischen Handeln in der kommunistischen Weltanschauung aufgehoben.

13. November: Christina Wilhelmina von Grävenitz wird am 13. November 1707 als morganatische Ehefrau des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg präsentiert

Waren einflussreiche Frauen an den absolutistischen Höfen, wie Christina Wilhelmina von Grävenitz, so etwas wie Vorreiterinnen der Emanzipation? Eine wissenschaftliche Brille, die die Fehlsichtigkeit im Hinblick auf die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern am Hof korrigiert, hilft bei der Einschätzung.

21. Oktober: Elisabeth Altmann-Gottheiner (1874–1930)
Erste Hochschuldozentin, Frauenrechtlerin

Elisabeth Altmann Gottheiner (1874-1930) war die erste Hochschuldozentin in Deutschland. Zusammen mit Alice Bensheimer bildete sie die kontinuierliche Kraft im Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), dem Dachverband, der den frühen Aktivistinnen der Frauenbewegung ein kollektives Selbstbewusstsein und Solidaritätsgefühl vermittelte.

7. Oktober: Euphemia Dorer (1667-1752)
Ursuline, Mädchenschule in Freiburg

Die Schweizerin Euphemia Dorer hat tiefe Spuren in der Bildungsgeschichte der Stadt Freiburg im Breisgau hinterlassen. Bis heute wird die charismatische Nonne und zupackende „Macherin“ mit den Anfängen der Mädchenbildung in der Stadt verbunden.

18. September: Julie Bassermann (1860-1940)
Frauenrechtlerin und Netzwerkerin

Julie Bassermann (1860-1940) ist heute nur noch wenigen bekannt. Dabei haben sie und der Verein „Frauenbildung – Frauenstudium“ maßgeblich dazu beigetragen, dass Baden als erster deutscher Staat 1900 die Universitäten für Frauen öffnete. Auf vielfache Weise hat sich die Mannheimerin für gleiche soziale und politische Rechte von Frauen eingesetzt.

2. August: Marianne Weber (1870-1954)
Frauenrechtlerin, Parlamentarierin

Marianne Weber (1870-1954) war weit über ihre Wahlheimat Heidelberg hinaus als Frauenrechtlerin bekannt. Als Parlamentarierin der ersten Stunde setzte sie 1919 Maßstäbe. Warum nur blieb sie vor allem als Frau und Nachlassverwalterin des berühmten Soziologen Max Weber in Erinnerung?