2. Januar: Käthe Vordtriede (1891–1964)
Journalistin und Sozialistin


Käthe Vordtriede mit ihren Kindern Fränze und Werner
Die Freiburgerin Käthe Vordtriede vereinigte sämtliche „Eigenschaften“, die bei den Nazis als verwerflich galten – sie war Jüdin, Sozialistin und Journalistin, intelligent und selbstbewusst. Dass sie ohne Mann lebte und ihre beiden Kinder allein erzog, vervollständigte in den Augen der braunen Kleingeister das Szenario der Widerwärtigkeiten.
Am 2. Januar 1891 wurde Käthe Blumenthal als drittes Kind in eine großbürgerliche Familie hineingeboren, die längst zum protestantischen Glauben übergetreten war. Ihre Mutter, eine Lehrerin, starb jedoch schon ein Jahr nach Käthes Geburt. Der Vater war Direktor einer holländischen Tabakplantage auf Sumatra, wo er zusammen mit seiner Familie lebte. 1893 erfolgte der Umzug nach Herford, wo er sich wieder verheiratete. Käthe besuchte hier von 1897 bis 1906 die Höhere Mädchenschule und ließ sich anschließend im Lehrerinnenseminar Bielefeld ausbilden. 1910 heiratete sie einen Geschäftsfreund ihres Vaters, den Schokoladenfabrikanten Gustav Adolf Vordtriede, und gebar 1911 ihre Tochter Fränze, 1915 ihren Sohn Werner. Ein Jahr später trennte sie sich von ihrem Mann. Sie gehörte dem Freideutschen Wandervogel an und trat 1918 in die SPD ein.
1923 zog sie mit ihren Kindern nach Freiburg, wo sie zunächst an der Universität Arbeit fand, sich aber schon bald als Journalistin betätigte. Zwei Jahre später wurde sie als erste weibliche Lokalredakteurin der SPD-nahen „Volkswacht" fest angestellt. Käthe Vordtriede engagierte sich für die Arbeiterwohlfahrt, reiste zu Wahlkampfzeiten für die SPD quer durchs Land und hielt Dutzende programmatischer Reden. Ihre eigene Landtagskandidatur 1925 scheiterte jedoch. Als Journalistin überzeugte sie vor allem durch ihre scharfsinnige und lebendige Berichterstattung über Politik, Soziales und Kultur. Auch schrieb sie für andere Blätter, u.a. für die renommierte „Weltbühne". Dabei nahm sie kein Blatt vor den Mund und legte sich schon lange vor der Machtübertragung immer wieder mit den Nazis an. Nachdem die „Volkswacht" zerschlagen war, hielt sie sich als Marktforscherin für „Sunlicht" über Wasser, bis ihr auch dies verboten wurde.
Von der Stürmung der Redaktionsräume unter Schmährufen wie „Raus mit der Marxistenhexe" über ihre wiederholte In-„Schutzhaft"-nahme bis hin zum Rausschmiss aus ihrem Bauvereins-Häuschen und schließlich der Emigration nach Basel am 2. September 1939 geben zwei einzigartige Quellenbestände Auskunft: Zum einen die Briefe, die sie seit 1933 an ihren schon damals in die Schweiz geflohenen Sohn schrieb, zum anderen ihr Beitrag für ein 1940 in den USA ausgelobtes Preisausschreiben, wofür sie unter dem Titel „Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933" eine Autobiografie anfertigte. Obwohl 1933 „ihr mühevoller Weg nach unten, bis zum einsamen Tod im New Yorker Exil" begann, wie ihr Biograf Manfred Bosch resümierte, verweigerte sie „die Opferrolle", beschrieb stattdessen messerscharf ihre Umgebung und auch ihre eigene Situation mit unnachahmlichem Sarkasmus: „Es regnete am 1. Mai [1933] - ja wirklich. Petrus wurde in Schutzhaft genommen." Ihre Unerschrockenheit und vielleicht auch eine gehörige Portion Trotz schienen auf, als sie im November 1933 einer Schweizer Bekannten mitteilte, dass ihrer Tochter in der Hochphase ihrer Anglistik-Dissertation der Rausschmiss von der Freiburger Universität drohe: „Nie haben wir uns freilich als Juden gefühlt, erst von jetzt ab, da Fränzes Relegation doch bevorsteht, werden wir stets sagen, dass wir Juden sind." An anderer Stelle wünschte sie ihrem Sohn zum Abschied: „Nun möge Dich der Himmel weiter behüten vor allen Segnungen der heiligen deutschen Erhebung!"
Das Schweizer Exil war äußerst unsicher, permanent drohte die Abschiebung nach Deutschland. Käthe Vordtriede lebte in prekären Verhältnissen, musste sich u.a. als Landarbeiterin verdingen, bis ihr schließlich Ende 1940 die Weiterreise in die USA gelang. Ihr Leben war gerettet, doch es blieb ihr nur noch ein „bescheidenes Proletarierdasein" als Putzfrau, Kindermädchen und Haushälterin. Wie vielen anderen Emigrantinnen und Emigranten gelang es ihr nicht mehr, beruflich Fuß zu fassen.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Manfred Bosch: Vordtriede, Käthe, in: Baden-Württembergische Biographien, Band IV, hg. Von Bernd Ottnad und Fred L. Sepaintner, Stuttgart 2007, S. 430-432.
Käthe Vordtriede: „Es gibt Zeiten, in denen man welkt". Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933, hg. Von Detlev Garz, Lengwil 1999.
Käthe Vordtriede: „Mir ist es noch wie ein Traum, dass mir diese abenteuerliche Flucht gelang..." Briefe nach 1933 aus Freiburg im Breisgau, Frauenfeld und New York an ihren Sohn Werner. Mit einem Nachwort von Manfred Bosch, Lengwil 1998.
Bildquelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach (NL Werner Vordtriede, 8001/10)
Autorin: Ute Scherb