8 . März: Der erste Internationale Frauentag in Europa am 19. März 1911



Am 19. März 1911 fand in Europa erstmals der Internationale Frauentag statt, dessen Wurzeln in der amerikanischen Arbeiterbewegung lagen. Die Idee war, dass die Frauen selbst um ihre Rechte und um ihre gleichberechtigte Stellung in der Gesellschaft kämpfen sollten. Clara Zetkin (1857-1933), die seit 1890 in Stuttgart lebte, war die treibende Kraft für die Durchführung dieses ersten Internationalen Frauentags in Europa, der unter dem Motto „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ stand.
Allein in Deutschland gingen an diesem 19. März 1911 mehr als eine Million Frauen auf die Straße, die alle der sozialistischen Arbeiter- und Frauenbewegung nahestanden. Da dieser „Kampftag" in den ersten Jahren sonntags begangen wurde, da nur an diesem Tag nicht gearbeitet werden musste, gab es zuerst im März keinen festen Termin. Die Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung taten sich lange sehr schwer mit dem Internationalen Frauentag. Umgekehrt wollten die führenden Arbeiterfrauen auch nicht, dass sich die bürgerlichen Frauen an „ihrem" Tag beteiligten. Denn die Vorstellungen zum Frauenwahlrecht waren in beiden Lagern umstritten:
Clara Zetkin hatte diese Unterschiede schon 1906 klar benannt: „Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen wollen im öffentlichen Leben mitraten und mittaten [...], weil sie hoffen, dadurch die heutige bürgerliche Gesellschaftsordnung zu stützen und zu erhalten. [...] Die politische Arbeit und der politische Kampf der proletarischen Frauen hat [...] ein über die Gegenwart [...] hinausgehendes Ziel: den Sturz des Kapitalismus."
Aus Mannheim sind die Aktivitäten vom 19. März 1911 genauer überliefert: Im großen Saal des Mannheimer Gewerkschaftshauses traten Clara Zetkin selbst und die Mannheimer SPD-Politikerin Therese Blase vor das Publikum. Von diesem Ereignis ist nur ein Bericht des bürgerlichen „General-Anzeigers" erhalten und so erklären sich die kleinen Spitzen in der Berichterstattung, wie zum Beispiel der Satz: „Daß die Rednerin von der bürgerlichen Frauenbewegung nichts wissen will, versteht sich am Rande." Leider ist die sozialdemokratische Zeitung „Volksstimme" aus dieser Zeit nicht mehr erhalten, es wäre interessant gewesen, zu vergleichen, wie dort über die Veranstaltung berichtet wurde. Aber nicht nur in Mannheim, sondern auch in Stuttgart trat die Initiatorin dieses ersten Internationalen Frauentags in Deutschland an diesem für sie sehr wichtigen Datum vor das Publikum. Auch über diese Veranstaltung gibt es kurze Berichterstattungen in der lokalen Presse.
In Mannheim fühlte sich die bürgerliche Frauenbewegung offensichtlich von der Versammlung der SPD-Frauen am 19. März herausgefordert. Denn fünf Tage später, am 24. März 1911, organisierte sie sozusagen eine Gegenveranstaltung. Die Vorsitzende des Badischen Vereins für das Frauenstimmrecht, die Konstanzer Lehrerin Helene Schieß, sprach zum Thema „Warum fordern wir das Frauenwahlrecht?" Leider ist nicht überliefert, was genau sie an diesem Tag ausführte. In der Zeitung „Pfälzische Rundschau" wird lediglich bemerkt, dass „eine gemäßigte Richtung" vertreten worden sei. Das bedeutete wahrscheinlich, dass es sich hier nicht um das allgemeine und gleiche Wahlrecht handelt, das uns heute vertraut ist und das Clara Zetkin schon auf der Internationalen Sozialistischen Konferenz 1907 in Stuttgart zusammen mit den weltweit angereisten Genossinnen gefordert hatte und abstimmen lassen konnte. Hier ging es wohl eher um die Beteiligung der Frauen im Rahmen des damals vorherrschenden Dreiklassenwahlrechts, das Clara Zetkin ironisch als „Damenwahlrecht" bezeichnet hat.
Der erste Internationale Frauentag richtete sich also noch längst nicht an alle Frauen. 1911 waren die Klassengegensätze noch viel stärker als die Idee einer Frauen-Solidarität, die die Herkunft, den gesellschaftlichen Status und die politischen Einstellungen der Frauen tolerant zu behandeln versucht. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, ehe der 8. März, der 1914 erstmals an diesem Datum begangen wurde, schließlich weltweit als das Datum für den Internationalen Frauentag anerkannt wurde.
Weiterführende Literatur und Quellen:

Riepl-Schmidt, Mascha: Clara Zetkin, das Frauenwahlrecht und ihre „Parteikarrieren" in der SPD, der USPD und der KPD. In: Sabine Holtz/Sylvia Schraut (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht im deutschen Südwesten. Eine Bilanz. Stuttgart 2020, S. 187-202.

Schlösser, Susanne: Der Weg zum Frauenwahlrecht - aus Mannheimer Perspektive gesehen. In: Sabine Holtz/Sylvia Schraut (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht im deutschen Südwesten. Eine Bilanz. Stuttgart 2020, S. 239-255.

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Autorinnen: Susanne Schlösser und Mascha Riepl-Schmidt