19. Juli: Else Ida Pauline Kienle (1900–1970)
Die fast vergessene Kämpferin gegen den § 218


Else Kienle in den 1930er Jahren
Die Ärztin Dr. Else Kienle wurde am 19. Februar 1931 zusammen mit ihrem Kollegen, dem jüdischen Naturarzt, Dramatiker und Kommunisten Dr. Friedrich Wolf (1888-1953) in Stuttgart in Untersuchungshaft genommen. Die Anklage warf ihnen Vergehen gegen den § 218 vor. Dieser „Schandparagraph“, wie ihn die damaligen Gegner*innen bezeichneten, existiert seit der deutschen Reichsgründung 1871 und kriminalisiert Schwangerschaftsabbrüche seit nun 150 Jahren.
Else Kienle, die am 26.2.1900 in Heidenheim in einer altwürttembergischen Familie geboren wurde, lebte von 1923 bis1932 in Stuttgart. Dort eröffnete sie 1928 eine Klinik für Harn- und Beinleiden, in der sie auch ambulante Schwangerschaftsabbrüche vornahm, um notleidenden Patientinnen zu helfen. Aber nicht zuletzt auch, um sie vor Kurpfuschern zu bewahren, die pro Jahr 40 000 tote und ebenso viele kranke Frauen auf dem Gewissen hatten und sich am Elend bereicherten. Außerdem leitete sie ehrenamtlich die kostenlose Stuttgarter Beratungsstelle des „Reichsverbandes für Geburtenregelung und Sexualhygiene".
Seit 1926 existierte trotz heftiger politischer Auseinandersetzungen innerhalb der Bevölkerung und den extrem konträr aufgestellten Parteien im Deutschen Reichstag eine medizinische Indikation für Schwangerschaftsabbrüche, die aber von vielen Ärzten nicht umgesetzt wurde. Eine soziale Indikation gab es trotz der materiellen und gesundheitlichen Not vieler Familien nicht, Aufklärung und Verhütung waren offiziell nicht erlaubt. In den Umbruchszeiten der Weimarer Republik wurde die Ärztin - sie hatte nach einem Studium in Tübingen und Kiel in Heidelberg 1924 den Doktortitel der Medizin im Fachbereich Wiederherstellungschirurgie erworben - wegen ihres politischen und moralischen Widerstands zum Ziel vieler Angriffe und wurde im Kampf gegen soziales Unrecht und menschliches Elend beschädigt. Ihr Leben wurde nach einem Prozess, der im Sand verlief, zu einem Hürdenlauf gegen stete Verfolgungen.
Durch Ihre Heirat 1929 mit dem jüdischen Bankier Stefan Jacobowitz (1886-1946) war sie zusätzlich angreifbar geworden und bald in das alles überschattende Netz antisemitischer Verfolgungen des NS-Staats geraten. Dem geschiedenen Vater von vier Kindern verdankte sie jedoch nicht nur finanzielle, sondern auch moralische Unterstützung. Trotz der Scheidung 1931 blieb sie ihr weiteres Leben lang mit dem Freund eng verbunden.
Im Februar 1931 wurden Else Kienle und Friedrich Wolf wegen ihres Vergehens gegen den § 218 verhaftet. Die Festnahme entfachte in ganz Deutschland eine Demonstrationswelle. Wolf wurde bald gegen eine Kaution entlassen, Else Kienle erst nach fünf Wochen, nachdem sie in Hungerstreik getreten war. In ihrem Buch „Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin", beschreibt sie 1932 ihre Untersuchungshaft und viele der Frauenschicksale, die nun für ihre eigene Verurteilung herhalten sollen. Sie plädiert für eine neue Ethik in menschlichen Liebes- und Sexualbeziehungen und eine sinnvolle Familienplanung. Auch auf ihren Vortragsreisen fordert die junge und selbstbewusste, erst dreißigjährige Ärztin, die eine der ersten weiblichen Chirurginnen Deutschland war, eine gerechtere Behandlung der betroffenen Frauen, pocht auf deren Würde und setzt sich weiterhin für die Abschaffung des § 218 ein. Am 15. April 1931 treten Kienle und Wolf im Berliner Sportpalast auf, um vor 100 000 Menschen ihre Kritik des Paragraphen zu vertiefen.
Else Kienle, die wegen der zunehmenden Radikalisierung der politischen Verhältnisse eine neuerliche Verhaftung befürchten muss, verlässt 1932 ihr Heimatland. Nach schwierigen Fluchtetappen durch Europa und einer missglückten Ehe in England schafft es die 1932 in die U.S.A emigrierte Ärztin mit Nachprüfungen in New York dort auch beruflich sesshaft zu werden. Zwei Jahre nach dem Tod ihres vierten Ehemanns, dem Sänger Wesley L. Robertson, ist sie am 19. Juli 1970 in New York gestorben.
Zu Deutschland hatte Else Kienle in ihren letzten Lebensjahren nur noch familiäre Kontakte. Fast niemand interessierte sich in der Nachkriegszeit für sie und als dann um 1968 die neue Frauenbewegung anfing, ihre „eigene Frauengeschichte" zu recherchieren, war Else Kienle, eine der wenigen Kämpferinnen gegen den § 218, noch „unbekannt" und ohne ein zunächst auffindbares exaktes Todesdatum verstorben und nicht mehr befragbar.
Die Einweihung der Else-Kienle-Staffel im Stuttgarter Osten am 8.März (sic) 2016 war erst nach 20-jährigen Bemühungen der Autorin dieser Würdigung bei der Stadt erfolgreich.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Else Kienle, Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin. Kiepenheuer, Berlin 1932, 2. Auflage, mit historischen Erläuterungen von Maja (d. i. Mascha) Riepl-Schmidt. Stuttgart 1989.
Else K. La Roe, Woman surgeon. Autobiography. Dial Press, New York 1957. deutsch: Mit Skalpell und Nadel. Das abenteuerliche Leben einer Chirurgin. Rüschlikon 1968.
Maja (d. i. Mascha) Riepl-Schmidt, Else Kienle - Für eine neue Sexualethik, in: dies., Wider das verkochte und verbügelte Leben, Frauenemanzipation in Stuttgart seit 1800, Stuttgart/Tübingen 1990 u. 1998, S. 255-265.
Mascha Riepl-Schmidt, Else Kienle. Die Verteidigung der Frauen gegen das Gesetz und das Gericht der Männer. In: Birgitt Knorr, Rosemarie Wehling (Hg.): Frauen im deutschen Südwesten. Stuttgart 1993, S. 269-274.
Fotos: Archiv Mascha Riepl-Schmidt
Autorin: Mascha Riepl-Schmidt