16. Februar: Agnes Günther (1863—1911)
Posthume Bestsellerautorin


Agnes Günther
Bei ihrem Tod am 16. Februar 1911 hinterließ die bis dahin fast unbekannte Autorin ein unveröffentlichtes Romanmanuskript und damit ein besonderes Erbe.
Erstmals posthum 1913 unter dem Titel „Die Heilige und ihr Narr" publiziert, wurde der märchenhaft anmutende Roman über die Liebe zwischen einem stiefmütterlich behandelten Fürstenkind, dem „Seelchen" Rosmarie, und seinem von Sozialabstieg bedrohten „Ruinengrafen" Harro überraschend nicht nur ein Best-, sondern auch ein Longseller. Zuletzt 2023 in 146. Auflage erschienen, knackte er 1944 die Millionenmarke an verkauften Exemplaren, wurde in zwölf Sprachen übersetzt und drei Mal verfilmt.
Bis heute haftet das Kitsch-Verdikt des namhaften Germanisten Walter Killy an Agnes Günthers Roman und verhinderte lange die unvoreingenommene Frage, was eine so große Leserschaft an diesem Werk einer eigenwilligen Autorin begeisterte.
Die am 21. Juli 1863 in Stuttgart geborene Agnes Günther entstammte der Bankiersfamilie Breuning und hatte eine Engländerin, Polly Barrell, zur Mutter. Ihrer Herkunft entsprechend war der damals typische Lebensweg einer höheren Tochter vorgezeichnet: Auf den Besuch des Königin-Katharina-Stifts, damals Stuttgarts renommierte Höhere Töchterschule, folgte noch eine Zeit in einem Schweizer Mädchenpensionat und als Gesellschafterin einer schottischen Dame und 1887 schließlich die Heirat mit dem evangelischen Theologen Rudolf Günther.
Von da an führte Agnes Günther das zeittypische Leben einer Pfarrfrau, das kaum Raum für eigene Interessen und Neigungen ließ. Zunächst in Blaubeuren bei Ulm und von 1891 bis 1907 in der hohenlohischen Residenzstadt Langenburg kümmerte sie sich ‚selbstverständlich‘ nicht nur um das Wohl von Ehemann und zwei Söhnen, sondern übernahm karitative und repräsentative Aufgaben. In diesem Zusammenhang bot sich ihr erstmals 1905 die Chance zu künstlerischem Schaffen. Sie schrieb und inszenierte in der Geschichte Langenburgs spielende Theaterstücke für ein lokales Publikum.
Ermunterten diese ersten, wenn auch abseits des großen Literaturbetriebs eingeheimsten Erfolge Agnes Günther dazu, von einer Karriere als Schriftstellerin zu träumen? Schließlich eröffneten sich seinerzeit Autorinnen auf einem rapid wachsenden Buchmarkt ganz neue Chancen. Allerdings sprach schon allein die 1901 bei Agnes Günther ausgebrochene und damals unheilbare Tuberkulose gegen dieses hochgesteckte Ziel. Auch sah Agnes Günther in ihrem schriftstellerischen Tun wohl weniger einen möglichen Beruf, um das immer klamme Familienbudget aufzubessern, als vielmehr eine von tiefer Gläubigkeit inspirierte Berufung.
Die in Agnes Günthers Roman verborgene Kulturkritik hoben erst neuere Untersuchungen hervor:
Da ist das Märchenmotiv der bösen Stiefmutter, die der Aschenputtel gleichen Hauptfigur Rosmarie nach dem Leben trachtet. Darin verpackt ist die Kritik an der "modernen Frau", denn die böse Stiefmutter ist eine in der Provinz versauernde Berliner Gesellschaftsdame, die Autofahren und Tennisspiel liebt. Dagegen setzt Agnes Günthers Roman in der gesellschaftlichen Umbruchzeit an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf rückwärtsgewandte Ideale. Er huldigt einem auf Ungleichheit beruhenden traditionellen Geschlechterverständnis, glorifiziert einen Schicksalsschläge erduldenden christlichen Glauben und preist ein tief empfundenes Heimatgefühl.
Lesbar sowohl als Liebes- und Bildungs- oder als Heimatroman vor romantisierter Schlösserkulisse behauptet sich Agnes Günthers „Die Heilige und ihr Narr" immer noch auf dem Buchmarkt. Spätestens mit der beginnenden Suche nach der vergessenen oder marginalisierten Frauengeschichte in den 1970er Jahren fokussierte sich das Interesse auf die Person der literarischen Auflagenkönigin. Es wird Zeit zu thematisieren, worin die Bedeutung dieser Biografie und dieses Romans eben auch liegt: zum wirkmächtigen Gegenentwurf zur Ersten Frauenbewegung beigetragen zu haben.
Weiterführende Literatur und Quellen:

Literatur:
Bauernfeind, Elke: Agnes Günther. Die Heilige und ihr Narr; Leserlenkung und Rezeption. Stuttgart 1993
Demmel, Dorothea: Die Frau mit den bunten Flügeln. Die Agnes Günther-Biographie. Kiel 2012.
Siehe außerdem die Nachweise in der digitalen baden-württembergischen Landesbibliographie.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org

Autorin: Sybille Oßwald-Bargende
Stand: 16. Februar 2026  

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