18. September: Julie Bassermann (1860-1940)
Frauenrechtlerin und Netzwerkerin


Julie Bassermann (1860-1940)
Julie Bassermann (1860-1940) ist heute nur noch wenigen bekannt. Dabei haben sie und der Verein „Frauenbildung – Frauenstudium“ maßgeblich dazu beigetragen, dass Baden als erster deutscher Staat 1900 die Universitäten für Frauen öffnete. Auf vielfache Weise hat sich die Mannheimerin für gleiche soziale und politische Rechte von Frauen eingesetzt.
Am 18. September 1940 starb Julie Bassermann in Mannheim. Es war seit 1933 sehr still um die zum Protestantismus konvertierte Großbürgerin aus jüdischer Familie geworden. 1935 war ihre langjährige Kampfgefährtin und Freundin Alice Bensheimer verstorben. Nach dem Tod ihrer Ehemänner 1917 hatten die beiden Frauenrechtlerinnen zusammen im Haus Bassermann gelebt. Zeugen die Nachrufe für Alice Bensheimer 1935 in den einschlägigen Blättern der Frauenbewegung noch von einer gewissen Selbstständigkeit der bürgerlichen Frauenbewegung, so kann 1940 davon keine Rede mehr sein. Julie Bassermann hat keinen Nachruf erhalten. Nur wenige Wochen trennen ihren Todestag vom Datum des Abtransports der „Juden“ Mannheims ins Lager Gurs.

Nichts hatte bei der Geburt von Julie am 2. März 1860 darauf hingedeutet, dass ihr Leben 80 Jahre später in Einsamkeit enden würde. Schließlich handelte es sich bei der Tochter von Carl und Ida Ladenburg um eine Angehörige der angesehensten jüdischen Familien der Stadt. Die einzige Tochter des 1907 zum Mannheimer Ehrenbürger ernannten Bankiers dürfte die zeittypische, privat organisierte Halbbildung einer höheren Tochter durchlaufen haben, gefolgt vom üblichen geselligen und kulturbeflissenen Alltag einer guten Partie im Wartestand. Ihre Heirat 1881 mit dem Juristen und späteren nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Ernst Bassermann zeugt von der Zugehörigkeit der Ladenburgs zu den tonangebenden Familien Mannheims. Drei Töchter und einen Sohn hat Julie Bassermann bis 1894 geboren. Seit 1885 war sie Mitglied in der Ortsgruppe des „Badischen Frauenvereins“. 1897 finden wir sie unter den Gründungsmitgliedern der Mannheimer Abteilung des Vereins „Frauenbildung – Frauenstudium“, der sich für das Mädchenabitur und die Öffnung der Universitäten für Frauen einsetzte. Vier Jahre später übernahm sie den Vorsitz in der Mannheimer Vereinsgruppe. Ab 1925 leitete sie ihn auf nationaler Ebene. Schon um die Jahrhundertwende hatte Julie Bassermann maßgeblich die Zusammenführung der Frauenrechtlerinnen im Stadtverband der Mannheimer Frauenvereine betrieben. Und selbstverständlich war für sie frauenpolitisches Engagement stets mit allgemein politischen Aktivitäten verbunden. Die Gründungsvorsitzende des nationalliberalen Reichs-Frauen-Ausschusses hielt auf der Delegiertenversammlung der nationalliberalen Frauen der Rheinprovinz 1912 einen Vortrag über „die Frau in der Politik“. 1919 wurde sie in den Zentralvorstand der DVP gewählt. Ihre Kandidatur für die Nationalversammlung scheiterte, doch sie vertrat ihre Partei 1919-1923 als Stadtverordnete in Mannheim.

Ihre eigene Familie scheint ihr frauen- und gesellschaftspolitisches Engagement nicht vorbehaltlos begrüßt zu haben. Von ihrem Mann wird berichtet, dass er dem parteipolitischen Engagement von Frauen distanziert gegenüberstand. „S‘ kummt mer a bische viel Politik in die Familie nein!“ wurde dann auch Johannes, einem fiktiven Bassermannschen Vorfahren im Festspiel-Gespräch mit der „Ewigkeit“ anlässlich der Hochzeit von Julies Tochter Carola mit Kurt Bassermann 1906 in den Mund gelegt– nachfolgend kommentiert von der „Ewigkeit“ mit: die „Mutter Julie, die für Frauenrechte streitet … Für Frauenbildung Frauenstudium tritt sie ein“. Das freilich konnte der Festspiel-Ahnvater Johannes nicht gutheißen: „Was? – Ah – des geht awwer doch über’s Bohnelied! – Schdudium? – Ei, die Weibsbilder solle ihr‘ Kochlöffel in die Hand nemme, Des is g’scheider‘ unn Schdrimp schdricke daheem, unn der Mudder im Haushalt helfe! Do heert doch die Wetg’schicht‘ uff!“

Ihr selbst mag die Würdigung besser gefallen haben, die Elisabeth Altmann-Gottheiner 1930 anlässlich des 70. Geburtstags von Julie Bassermann veröffentlichte. Sie bezeichnete ihre Kampfgefährtin als „ideale Vorsitzende“ des Vereins „Frauenbildung – Frauenstudium“, als „Frau von großer innerer Stärke und äußerer Biegsamkeit“, als „Frau von großem Format.“
Weiterführende Literatur und Quellen:

Bäro, Beate, Julie Bassermann. Vorreiterin der Frauenbewegung. In: Albus, Stefanie (Hg.), Lauter Frauen. Aufgespürt in Baden-Württemberg. 47 Porträts, Stuttgart: Theiss 2000, S. 10–13.
Badische Biographien NF 5, Stuttgart 2005, S. 2-3.
Bildquelle: MARCHIVUM, Bildsammlung, Signatur AB01953-001.

Autorin: Sylvia Schraut

Erscheinungsdatum: 18.09.2020