12. September: Charlotte Wolff (1897–1986)
Pionierin queerer Theorie


Gedenkstein für Charlotte Wolff in Berlin
Die feministische Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff, die vor etwa 100 Jahren u. a. in den Universitätsstädten Freiburg und Tübingen Medizin studierte, erlebte Ermöglichung und Grenzen von Freiheit als frauenliebende Frau, bürgerliche Jüdin und vieles mehr.
Charlotte Wolffs bürgerliche Familie betrachtete sie von ihrer Geburt (30.09.1897 in Westpreußen, heute Polen) an als „getarnte[n] Junge[n]". Obgleich der ‚Neuen Frau‘ z. B. ein Bob und ein gewisses Privatleben zugestanden wurde, so wertete die Mehrheitsgesellschaft stereotyp männlich auftretende Frauen doch als „Mannsweiber" ab. Charlotte Wolff, die ihren Werdegang in zwei Autobiografien reflektiert hat, erlebte dies nicht negativ. Ihre Liebe zu Frauen war ihr immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. „Erst als ich um die 20 war, wünschte ich mir, ich wäre als Junge zur Welt gekommen, aber nur, weil die Mädchen und Frauen, die ich liebte, sich zu Männern hingezogen fühlten." In der Heteronormativität fand die von Literatur begeisterte schwärmerische junge Frau scheinbar mühelos sichere Nischen oder entzog sich Festlegungen gänzlich: Ein Beispiel ist die Verwendung des schon damals doppeldeutigen Begriffs „Freundin". Auch ihr Verständnis von Liebe als primär emotionalem Zustand, statt als sexuelle Praxis, ermöglichte ihr das Erleben diverser, auch paralleler Beziehungen. Die Selbstbezeichnung „lesbisch" lehnte sie, auch als diese mit der zweiten Frauenbewegung populär(er) wurde, für sich selbst ab. Die verschiedenen sexuellen Kategorien verstand sie als Ergebnisse sozialer Praxis, die Frauen und Männer sich im Patriarchat aneignen, und die es zu überwinden gelte. Unter der Utopie einer „bisexuellen Welt" verstand sie eine, in der keine Wertunterschiede zwischen verschiedenen Orientierungen bestünden. Mit der sexualwissenschaftlichen Theoretisierung dieses Verständnisses von sexueller Identität und Orientierung seit den 1960er Jahren griff sie wichtige Aspekte der Queer Theory vorweg.
Charlotte Wolff gehörte, wie sie selbst feststellte, zu einer „internationalen Avantgarde": In einer als frei empfundenen Republik fanden sich in den Universitätsstädten im ganzen europäischen Raum mobile, hochgebildete Frauen zusammen, die grade in dem Wissen um ihre Privilegien, ihre Möglichkeiten in vollen Zügen nutzten. Neben Berlin genoss die kulturbegeisterte Medizinstudentin ihr (Liebes-)Leben u. a. in Freiburg und Tübingen. Noch in ihrer späteren Autobiografie 1982 war sie davon überzeugt „persönlich nie aufgrund des Geschlechts diskriminiert" worden zu sein. Dass die Frauenbewegung für sie lange keine bewusste Bedeutung gehabt habe, führt Charlotte Wolff sicher zu Recht darauf zurück, dass ihr und ihrem sozialen Umfeld verhältnismäßig viele Möglichkeiten geboten und Grenzen als solche nicht wahrgenommen wurden. Als Ärztin wandte sie sich dem Bereich Familiensorge zu und wurde Direktorinnenstellvertreterin der ersten Klinik für Schwangerschaftsverhütung Deutschlands. Angesichts der hiermit verbundenen Begegnungen mit den Frauen der Arbeiterklasse in den Armenvierteln Berlins schärft sich ihr Bewusstsein und Wille, die eigenen Privilegien zu deren Wohl einzusetzen.
Den Anfang vom Ende der Freiheit erfuhr Charlotte Wolff als Jüdin, bewusst erstmals als Studentin in Tübingen 1922/23, als eine Kellnerin sich weigert, sie zu bedienen. Sie selbst beschäftigte rückblickend sehr, wie ihre deutsche Identität sie blind gemacht hatte für den schwelenden Antisemitismus. Berlin versprach in den 1920er Jahren im Gegensatz zur Provinz diversere Kultur, bevor auch hier das sich weiter verschärfende politische Klima ihr und ihrem sozialen Umfeld immer mehr Freiheit und Sicherheit raubte. 1933 wurde sie als „Frau in Männerkleidung" und aus vermeintlich politischen Gründen von der Gestapo verhaftet, entkam knapp, wurde erneut denunziert und flüchtete erst nach Paris, dann nach London. Dort arbeitete sie als Therapeutin und als Sexualwissenschaftlerin, publizierte ihre Werke in englischer Sprache. Als sie 1978 vom Berliner Frauenbuchladen zu einer Lesung und ein Jahr später zur „Frauenuniversität" eingeladen wurde fühlte sie sich erstmals wieder willkommen in Deutschland -- und genoss den Austausch mit den Feministinnen der FrauenLesbenbewegung. Charlotte Wolff starb 1986, kurz nach der Veröffentlichung ihres umfassenden Porträts des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Wolff, Charlotte: Magnus Hirschfeld. A portrait of a pioneer in sexology. London 1986.
Dies.: Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit. Eine Autobiographie. Weinheim 1982, [erstmals: Hindsight. London 1980].
Dies.: Bisexualität. Frankfurt am Main 1979 [erstmals: Bisexuality. A Study. London 1977].
Dies.: Love between women. London 1971.
Dies.: Innenwelt und Außenwelt. Autobiographie eines Bewußtseins. München 1971 [erstmals: On the Way to Myself. Communications to a Friend. London 1969.]
Brennan, Toni / Hegarty, Peter: Charlotte Wolff's Contribution to Bisexual History and to (Sexuality) Theory and Research. A Reappraisal for Queer Times. In: Journal of the History of Sexuality, Vol. 21, No. 1, January 2012, S. 141-162.
Lybeck, Marti M.: Desiring Emancipation. New Women and Homosexuality in Germany, 1890-1933. Online 2014.
Bildquelle: Von OTFW, Berlin - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=
Autorin: Ella Detscher