26. September: Lenore Volz (1913-2009)
Kämpferin für die Zulassung der Frauen zum Pfarramt


Grabstein der Familie Volz
Lenore Volz war während des Zweiten Weltkriegs eine der ersten Frauen im Pfarramt in Württemberg. Nach dem Krieg kämpfte sie als Vorsitzende des Theologinnenkonvents in Württemberg für die gleichberechtigte Zulassung der Frauen zum vollen Pfarramt. Sie starb am 26. September 2009.
Lenore wurde am 16. März 1913 als jüngstes von drei Kindern in Waiblingen geboren, aufgewachsen ist sie in Esslingen. Ihr Vater Hugo Volz stammte aus einer Familie von Pfarrern. Ihre Mutter Amalie Volz gründete in Esslingen die erste evangelische Mütterschule Württembergs.
Bereits nach der Konfirmation beschloss Lenore Theologie zu studieren. Nach ihrem Abitur am Königin-Katharina-Stift in Stuttgart lernte sie zunächst Latein und Griechisch, bevor sie dann 1933 als eine von zwölf Frauen ihr Theologiestudium in Tübingen begann. Hebräisch lernte sie während der Semesterferien. Allerdings hatte man ihr bereits von Beginn an gesagt, dass sie nach dem abgeschlossenen Studium nicht mit einer Anstellung als Pfarrerin rechnen könne.
Lenore stürzte sich dennoch ins Studium, nachdem geklärt war, dass die Frauen trotz nationalsozialistischer Herrschaft an der Universität Tübingen bleiben durften. 1934 übernahm sie zudem die Leitung der Deutschen Christlichen Studentinnenbewegung DCSB.
Nach einem Auswärtssemester in Greifswald schloss sie ihr Studium 1939 erfolgreich ab, erhielt aber zunächst keine Anstellung als Pfarrerin. Man legte ihr nahe, sie solle doch ihr Orgelspiel ausbauen, dann könne sie als Organistin arbeiten. Oder aber sie lerne Maschinenschreiben, dann könne sie als Sekretärin ihren Lebensunterhalt verdienen!
Aber mit dem Kriegsausbruch änderte sich alles. Viele Pfarrer wurden eingezogen und viele Stellen wurden frei. Lenore Volz erhielt eine Praktikantinnenstelle in Münsingen, wo ihre Hauptaufgabe darin bestand, Kirchenbuchauszüge für die Ariernachweise zu erstellen. Daneben durfte sie immerhin den Bibelkreis im Nachbarort leiten. Zudem durfte sie Kindergottesdienste abhalten und die Konfirmationsvorbereitung machen - allerdings nur für die Mädchen.
Im April 1940 erhielt sie eine Anstellung als Pfarrgehilfin im Dekanat Stuttgart-Bad Cannstatt. Zu dem Zeitpunkt waren dort+ die Hälfte aller Pfarrer zur Wehrmacht eingezogen worden und man hatte zunächst versucht, den Gottesdienstbetrieb mit männlichen Laien aufrecht zu erhalten. Erst als das misslang, erinnerte man sich an die ausgebildeten Theologinnen.
Zunächst musste aber der zögernde Kirchengemeinderat überzeugt werden. Erst nach einer schriftlichen Versicherung des Prälaten, dass sie wirklich keinen männlichen Kandidaten bekommen könnten, erklärten sich die Cannstatter bereit und Lenore konnte ihren Dienst antreten.
Sie durfte anfangs - wie alle Pfarrerinnen damals - weder predigen, noch Trauungen oder Beerdigungen abhalten, noch das Abendmahl reichen. Erst 1942 wurde den Frauen im Pfarramt auch die Predigterlaubnis gegeben.
Auch den Talar durfte sie zunächst nicht tragen, sie musste in einem schwarzen Kleid vor die Gemeinde treten, die sie so aber nicht wirklich als Pfarrerin akzeptierte. Sie setzte sich gegenüber Dekan und Prälat durch und besorgte sich den Talar eines gefallenen Pfarrers. Nur das Beffchen, ursprünglich ein Bartschoner, durfte sie nicht tragen. So machte sie sich auf ihrem Fahrrad und später auf dem Motorrad auf den Weg zu den Gemeinden im großen Dekanat Bad Cannstatt.
Nach Kriegsende entzog der Oberkirchenrat den Frauen wieder die Predigterlaubnis und Lenore arbeitete als Pfarrvikarin in der Lutherkirche in Bad Cannstatt.
Lenore Volz setzte sich ihr Leben lang für die gleichberechtigte Zulassung von Frauen zum Pfarramt ein. So wurde sie folgerichtig 1965 von den württembergischen Theologinnen als Nachfolgerin von Else Breuning zur Vorsitzenden des Theologinnenkonvents gewählt. Es war ein sehr langer Kampf der Frauen um das Pfarramt, der erst 1978 endgültig gewonnen wurde. Das württembergische Theologinnengesetz von 1968 hatte den Frauen einen fast gleichberechtigten Zugang zum Pfarramt erlaubt, im Pfarrerdienstrecht von 1978 wurden dann Mann und Frau im Pfarramt endgültig gleichgestellt.
Lenore Volz beschloss, selber keine Gemeinde mehr zu übernehmen und bewarb sich 1970 um das erste Krankenhauspfarramt in Bad Cannstatt, wo sie bis zu ihrem Ruhestand arbeitete. Sie starb am 26. September 2009, ihr Grab befindet sich auf dem Uff-Kirchhof in Bad Cannstatt.
2019 wurde der Zusammenschluss von drei Gemeinden in Bad Cannstatt nach ihr benannt: Lenore-Volz-Gemeinde.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Lenore Volz: Talar nicht vorgesehen. Pfarrerin der ersten Stunde, Stuttgart 1994
Helga Müller: Lenore Volz: „S'isch reach gwäe". Die Wiege für die Frau im Talar stand in Bad Cannstatt, in: Pro Alt-Cannstatt (Hg.): "Und die Frauen?" Cannstatter Frauengeschichte(n) aus zehn Jahrhunderten, Ludwigsburg 2021, S. 262 - 271
Barbara Michelfelder: Lenore Volz. In: Stadt Esslingen, Stadtmuseum, Frauenbeauftragte, Volkshochschule (Hg.): WeiblichES. Frauengeschichte gesucht und entdeckt. Esslingen, S. 178-186, Esslingen 1999
Bildquelle: privat (Elisabeth Skrzypek)
Autorin: Elisabeth Skrzypek