1. Juni: Anna von Hohenlohe (Weinsberg) (1370–1434)
Eine hochadlige Dame im deutschen Südwesten im Spätmittelalter


Grabmal Anna von Weinsberg im Kloster Schöntal
Wie viele ihrer Zeit- und ihrer Standesgenossinnen verfügte Anna von Weinsberg († 1. Juni 1434) als edle Frau aus dem hochadligen Hause Hohenlohe über Ressourcen und Beziehungen, um an politischen Aktivitäten ihrer Familie teilzuhaben. Ihr Wirkungsraum erwuchs aus ihren verwandtschaftlichen Verbindungen und dem Status ihres Ehemannes Konrad von Weinsberg als hohem Reichsbeamten.
Anna von Hohenlohe wurde um 1370 in eine hochadelige Familie im Süden des Reiches hinein geboren. Väterlicherseits kam sie aus dem Hause Hohenlohe-Weikersheim, einer freiherrlichen Familie mit umfangreichen Gütern und Hoheitsrechten im heutigen nördlichen Baden-Württemberg. Ihre Mutter Anna von Leuchtenberg kam aus der Landgrafschaft Leuchtenberg (bei Cham/Oberpfalz), einem der größten nicht-geistlichen Territorien in Bayern.
Die Herkunftsfamilie und die Familie im weiteren Sinne waren in adligen Kreisen des Spätmittelalters einer der wichtigsten Faktoren für die Handlungsmöglichkeiten einer Person. Daher galt es für Anna einen ebenbürtigen Ehemann zu finden, der die Ressourcen der Familie erweitern und deren Bedeutung ausbauen konnte. Die Wiedereingliederung einer Nebenlinie konnte dabei ein kluger Schachzug sein. So schloss Anna um 1388 mit Konrad von (Hohenlohe)-Brauneck ihre erste Ehe.
Die Ehe dauerte nur kurz, bereits 1390 war sie Witwe mit einer kleinen Tochter namens Margarete. Damit war sie für sich und als Vormund für ihre Tochter Inhaberin der von Konrad stammenden Brauneckschen Güter (rund um Brauneck und Weikersheim) und musste gemeinsam mit nahen männlichen Verwandten die Weichen für die Zukunft des Erbes legen. Tatsächlich verabredete sie schon ganz kurz nach dem Tod Konrads eine Ehe ihrer Tochter mit einem Sohn Günters von Schwarzburg.
Sie konnte nun sowohl über ihren eigenen Besitz aus Mitgift und Morgengabe, als auch über das Erbe ihres Mannes verfügen, aber sie agierte hierbei nicht alleine, sondern häufig zusammen mit männlichen Verwandten. Das heißt nicht zwingend, dass sie nur pro forma genannt wurde. Bis zu ihrem Tode erscheint sie in Urkunden immer wieder auch als selbstständig Handelnde. Deutlich wird das vor allem vor ihrer zweiten Ehe; so lässt sie sich beispielsweise 1392 Rechte über ihre Eigenleute in Baldersheim bestätigen.
Nach sechsjähriger Witwenzeit heiratete Anna Konrad (†1448) aus dem Geschlecht der Herren von Weinsberg, das im nahegelegen mittleren Neckarraum Herrschaftsrechte innehatte. Er gehörte als Reichserbkämmerer zu den höchsten Beamten des Reiches und stand als Vertrauter König Sigismunds im engen Kontakt mit dem Königshof und den Reichsfürsten.
Für Konrad bot diese Heirat ebenso gute Perspektiven: Annas Besitz ergänzte geographisch sein zu erwartendes Erbe (nördlich von Weinsberg) und war damit geeignet für den Aufbau einer stärker geschlossenen Landesherrschaft. Dazu konnte er in Annas Bruder Georg, der Bischof in Passau war und unter König Sigismund zum Reichskanzler aufstieg, einen verlässlichen Verbündeten auf Reichsebene gewinnen.

Anna hatte also Verbindung zu höchsten Regierungskreisen im Reich und verfügte über Besitz und Mittel ihre Interessen zu verfolgen. So könnte sie beispielsweise wesentlichen Einfluss gehabt haben bei dem Versuch ihres Mannes und ihres Bruders, Erich von Sachsen-Lauenburg als Nachfolger in der freiwerdenden Kurwürde Sachsens durchzusetzen. Erich war der Ehemann von Konrads und Annas einzigem Kind Elisabeth. Der Plan schlug fehl, zeigt aber deutlich die Allianzen entlang der familiären Interessen.

Das Greifbarste, das Anna hinterlassen hat, ist ihrer Sorge um ihr Seelenheil geschuldet. Anna starb am 1. Juni 1434 - der Todestag ist auf der Grabplatte im Kloster Schöntal eingeschrieben. Anna und Conrad von Weinsberg hatten schon zu Lebzeiten dem Kloster Einkünfte übergeben, damit für ihr Seelenheil gebetet und ihr Grab gepflegt würde. Dazu beauftragten sie in Nürnberg ein Grabmal, bestehend aus zwei lebensgroßen Messingfiguren. Es ist sowohl im Konzept von zeitgenössisch gekleideten frei stehenden Statuen, in der Materialwahl und in der hochwertigen künstlerischen Ausführung außergewöhnlich. Anna nimmt sich als eine elegante Frauenfigur im formvollendeten Faltenspiel ihres Mantels in der barocken Nische der Nordwestwand der Klosterkirche ihren Raum.

Weiterführende Literatur und Quellen:
Irsigler, Franz, Konrad von Weinsberg (etwa 1370-1448). Adeliger - Diplomat - Kaufmann.
In: Württembergisch Franken Bd. 66 (1982) S. 59-80
Mende, Ursula, Grabdenkmäler für die Großen des Reichs aus Nürnberger Gusswerkstätten der Vor-Vischer-Zeit. Die Tumba Friedrichs des Streitbaren in Meißen und die Statuen von Konrad und Anna von Weinsberg im Kloster Schöntal, in: Wolfgang Augustyn(Hg.): Opus. Festschrift für Rainer Kashnitz, Bd.II/III, Berlin 2016, S.130-168.
Rutz, Andreas, Formen und Funktionen weiblicher Herrschaftspartizipation im Heiligen Römischen Reich am Beispiel der Herzoginnen von Kleve (1417-1609), in: Matthias Becher (Hg.): Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft. Spannungsfelder und Geschlechterdimensionen (= Macht und Herrschaft Bd. 11), Göttingen 2019, S. 213-252.
Barbara Susanne Schöner, Die rechtliche Stellung der Frauen des Hauses Hohenlohe, Diss. Tübingen 1963.
Bildnachweis: Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe, Glasnegative Wilhelm Kratt (1869-1949) - Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Karlsruhe, Bestand 498-1 Nr. 867. http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1078615
Autorin: Adela Schneider