17. Juni: Berta Ottenstein (1891-1956)
Dermatologin und Wissenschaftspionierin, von den Nazis ins Abseits katapultiert


Berta Ottenstein
Berta Ottenstein war Deutschlands erste Dozentin für Dermatologie und die erste habilitierte Frau in Freiburg. Als Jüdin wurde sie von der Universität vertrieben und in die Emigration gezwungen, wo sie zwar noch anerkannte „Pionierleistungen“ vollbringen konnte, jedoch nie ein gesichertes Auskommen hatte.
Während die Freiburger Universität 1900 als erste deutsche Hochschule Frauen die Immatrikulation ermöglichte, bildete sie 31 Jahre später in puncto Habilitation fast das Schlusslicht.
Berta Ottenstein wurde als jüngstes von sechs Kindern in eine jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren und legte 1910 in Nürnberg ihr Abitur ab. Als sie 1928 an die Freiburger Hautklinik kam, war sie bereits zweifach promoviert, 1914 in Chemie und 1919 in Medizin. Schnell und erfolgreich arbeitete sie sich als Fachfremde in die neue Materie ein und traf bei ihrem Vorgesetzten, Klinikdirektor Georg Alexander Rost, auf einen vorurteilslosen Förderer. Schon im November 1930 begründete er seinen Antrag auf Verlängerung ihres Vertrages mit der lapidaren Bemerkung, er werde Berta Ottenstein „infolge ihrer guten wissenschaftlichen Qualifikation der Fakultät in absehbarer Zeit zur Habilitation vorschlagen". Offenbar waren Fachkenntnisse das einzige, was ihn interessierte - er nahm weder Anstoß daran, dass sie eine Frau, noch, dass sie eine Jüdin war. Allerdings war die Dermatologie damals kein Hort des Ruhmes, im Gegenteil: Das junge Fach galt als „unmoralisch", weil es oft auf die Behandlung von Geschlechtskrankheiten reduziert wurde.
Am 3. Juni 1931 genehmigte der Freiburger Senat Berta Ottensteins Habilitation. Zum Wintersemester 1931/32 nahm sie ihre Lehrtätigkeit als Privatdozentin auf. Freilich erhielt sie keine Berufung, sondern musste weiter alle zwei Jahre auf eine Verlängerung ihres Vertrages hoffen. Sie konnte nicht einmal wie vereinbart bis Herbst 1934 lehren, da sie als „Volljüdin" von der Universität vertrieben wurde. Schon im April 1933 erhielt sie die Kündigung ihrer Assistentinnenstelle, und am 22. September 1933 erfolgte der Entzug ihrer Lehrbefugnis. Dagegen setzte sie sich zur Wehr, denn sie sah sich durch die Ausnahmeregelungen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 benachteiligt, die für jüdische Frontsoldaten und für Dozenten, die seit 1914 einer Universität angehörten, galten. Eine Frau konnte, so argumentierte Berta Ottenstein, weder im Ersten Weltkrieg „gedient" noch vor Freigabe der Habilitation im Jahr 1920 in dem geforderten beamtenähnlichen Verhältnis einer Universität gestanden haben. Als Lösung, so Ottensteins Antrag, „wird für diese eine besondere zusätzliche Bestimmung vorgeschlagen, und zwar mit dem Stichtag 1920 statt 1914". Die braunen „Säuberer" waren natürlich zu keinem Kompromiss bereit.
Ende September 1933 emigrierte sie nach Budapest, wo sie an der Universitätshautklinik eine neue, aber sehr schlecht bezahlte Anstellung fand. Zwei Jahre später zog sie weiter nach Istanbul und übernahm dort die Leitung des chemischen Labors an der Hautklinik der „Istanbul Üniversitesi". Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte sie in die USA über, wo sie jedoch beruflich nicht mehr richtig Fuß fassen konnte.
Anlässlich ihres 60. Geburtstags ernannte die Freiburger Universität Berta Ottenstein in Anerkennung ihrer Leistungen zur außerplanmäßigen Professorin. Als es aber 1954 darum ging, gegenüber dem Verwaltungsgericht ihre finanziellen Ansprüche im sogenannten Wiedergutmachungsverfahren zu untermauern, beschied der Direktor der Hautklinik rigoros, sie „wäre für ein Ordinariat unseres Faches nicht in Frage gekommen". Als ihr dann doch der Wiedergutmachungsbescheid mit nachträglicher Zuerkennung einer planmäßigen Professur und den dazugehörigen Pensionsansprüchen zugestellt wurde, durfte sie davon nicht mehr profitieren: Am 17. Juni 1956 verunglückte sie bei einem Badeunfall tödlich.

Heute erinnert in Freiburg eine Straße an sie und die Universität hat ihren Frauenförderpreis nach Berta Ottenstein benannt. Auch das dortige Programm für Clinician Scientists trägt ihren Namen.

Weiterführende Literatur und Quellen:
Franziska Krause: Ottenstein, Bertha, in: Baden-Württembergische Biographien, Band V, hg. von Fred Ludwig Sepaintner, Stuttgart 2013, S. 293-296.
Ute Scherb: Ich stehe in der Sonne und fühle, wie meine Flügel wachsen. Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an der Freiburger Universität von 1900 bis in die Gegenwart, Königstein/Ts. 2002.
Bildquelle: Universitätsarchiv Freiburg D001301393.
Autorin: Ute Scherb