9. Mai: Anna von Baumgarten (1527–1592)
Kaufmannsehefrau, Regentin der Herrschaft Erbach (Donau) und Vielschreiberin


Allianzwappen von Hans Georg und Anna von Baumgarten
Eigentlich war sie, die in Erbach residierende, vehement um das Erbe ihrer Familie kämpfende steirische Adelige, fast vergessen. Anlässlich der Abfassung eines Findbuchs über das Archiv der Herren von Baumgarten wurde sie wieder entdeckt.
Anna von Kainach-Leonrodt-Einöd erblickte am 9. Mai 1527 in der Steiermark das Licht der Welt. Ihr Geburtsort ist unklar. 1535 kam ihre verwitwete Mutter als Leibwärterin der Erzherzogin Leonore an den Wiener Hof. Vier ihrer sieben Töchter, darunter Anna, hatte sie dabei mitgenommen, die dann als Hofdamen der weiblichen kaiserlichen Verwandten fungierten, sobald sie das entsprechende Alter erreicht hatten.
Tochter Anna von Kainach wurde Kammerdienerin der ebenfalls Anna geheißenen Tochter Anna Jagiellos und des Erzherzogs Ferdinand von Österreich. Diese Anna, Tochter des Erzherzogs, lebte von 1528 bis 1590 und wurde 1546 mit dem bayerischen Herzogssohn Albrecht, dem späteren Herzog Albrecht V. von Bayern, nach München verheiratet.
Es ist zu vermuten, dass die um ein Jahr ältere Anna von Kainach ihrer Erzherzogin Anna von Wien nach München folgte. Dort lebte sie einige Jahre, bis sie selbst verheiratet wurde: an einen Hans Georg von Baumgarten, Sprössling des Augsburger Großkaufmanns Hans II. von Baumgarten. Die Familie derer von Baumgarten galt, neben den Fuggern, als zweitreichste im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
Anna, nunmehr Anna von Baumgarten und in Augsburg wohnhaft, wurde dort Mutter von vier Kindern.
Infolge undurchsichtiger Geschäfte und damit einhergehender Verschwendungssucht, vor allem seitens David, dem Bruder Hans Georgs, verringerte sich das ursprüngliche Vermögen der Familie in kurzer Zeit beträchtlich. Nach dem dadurch verursachten unvermeidlichen Zusammenbruch des einst stolzen Handelshauses wurde ein Gläubigerkonsortium reicher Kaufmannsfamilien ins Leben gerufen, das geliehene Kapitalien nunmehr zurückforderte.
In der Folge wich die Familie des Hans Georg von Baumgarten in das Schloss Erbach aus, das Hans Georgs Vater, inklusive der zugehörigen Herrschaft, 1535 erworben hatte.
1565, als Annas Ehemann Hans Georg aus Anlass einer Feierlichkeit heimlich in Augsburg weilte, wurde er dort festgesetzt und in den Schuldturm der Stadt verbracht. Und hier setzt nun der Briefwechsel Annas mit allen möglichen noblen Herrschaften an: mit den Stadtoberen von Augsburg, besagtem Gläubigerkonsortium, dem Erzbischof von Salzburg, Herzog Christoph von Württemberg und anderen. Die Korrespondenz dauerte auch fort, als ihr Ehemann Hans Georg 1567 gegen das Augsburger Gläubigerkonsortium vor das Reichskammergericht zog.
Der ursprüngliche Prozess vor dem Reichskammergericht, der sich nun anschloss, wurde dann jedoch in kleinere und größere Einzelprozesse zerlegt, die sich über viele Jahre hinzogen. Hans Georg von Baumgarten verstarb darüber 1570. Seine Frau Anna, vom Kaiser als Vormund ihrer Kinder vereidigt, setzte die Prozesse fort. Sie beantragte die Rückgabe aller unter dem Druck der Gefangenschaft ihres Ehemannes abgetretenen Güter. Hierbei ging es u. a. um das nahe Erbach gelegene Rittergut Bach, das ihr angeblich als Heiratsgut versprochen worden war, wie auch um die ebenfalls nur wenig von Erbach entfernt gelegene Herrschaft Dellmensingen. Mit der Reichsstadt Ulm lieferte sie sich so manchen Streit und forderte zahlreiche Herrschaften im heutigen Bayerisch-Schwaben als Besitz ihrer Familie zurück. Auch mit den Untertanen der Herrschaft Erbach gab es Probleme, da diese nicht ohne weiteres dazu bereit waren, eine Frau als Regentin anzuerkennen. So mancher Konflikt wurde bis an die Grenze der Gewalttätigkeit ausgetragen.
Anna von Baumgarten verstarb am Dienstag, dem 11. Januar 1592 in Erbach. Sie ist als vielseitig begabte Frau in die Geschichte eingegangen, die sich bei der Bewältigung eines schweren Schicksals als willensstark, tatkräftig und durchsetzungsfähig erwiesen hat. Nie ist sie müde geworden, sowohl die Gefangennahme als auch den Prozess gegen ihren Ehemann als unrechtmäßig anzuprangern.
Jahre nach ihrem Tod gewannen ihre Kinder bzw. Enkelkinder vor dem Reichskammergericht noch so manchen Prozess. Die Herrschaft Erbach ging schließlich in andere Hände über. Berge von Papier, verteilt über mehrere Archive, zeugen heute noch von den turbulenten Jahren der Herrschaft der Anna von Baumgarten.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Ursula Erdt: Anna von Baumgarten, Kaufmannsehefrau und Regentin der Herrschaft Erbach/Donau 1527-1592, in: Gerhard Taddey , Rainer Brüning (Hrsg.); Lebensbilder aus Baden-Württemberg XXII, Stuttgart 2007, S. 28-48.
Manfred Hörner, Barbara Gebhardt (Bearb.): Bayerisches Hauptstaatsarchiv. Reichskammergericht Band 3, Nrn. 869- 1406 (Buchstabe B), München 1997.
Rudolf Rauh: Systematische Übersicht über die Bestände des Fürstlich von Waldburg-Zeil'schen Gesamtarchivs in Schloss Zeil vor 1806 (1850). Archiv Kisslegg und Archiv Ratzenried. Stuttgart 1953.
Bildquelle: Lebensbilder aus Baden-Württemberg XXII, Stuttgart 2007
Autorin: Ursula Erdt