1. April: Augusta (Gusta) Rath (1885 – 1983)
Frühe Studentin, vielseitig engagierte Ärztin


Gusta Rath
In Heilbronn blieb sie über den Tod hinaus als eine sehr tüchtige, anteilnehmende Ärztin in Erinnerung, die lange Arbeitstage und -wege nicht scheute, um ihren Patientinnen und Patienten zu helfen. Geboren wurde Augusta Rath geb. Kiesselbach, deren Rufname Gusta lautete, am 1. April 1885 in Erlangen und wuchs dort mit einer Mutter auf, die eine aktive Frauenrechtlerin war.

Der Vater Dr. Wilhelm Kiesselbach, Privatdozent für Ohrenheilkunde an der Universität Erlangen, starb 1902. Die Mutter Luise Kiesselbach geb. Becker (1863 1929) engagierte sich als Gründungsmitglied des Erlanger Vereins „Frauenwohl“ und wurde 1909 in den Armenrat der Stadt gewählt. 1913 wurde sie als Leiterin des Hauptverbandes der bayerischen Frauenvereine nach München berufen, wo sie auch den Stadtbund Münchner Frauenvereine gründete. 1919 zog sie als erste Frau in den Münchner Gemeinderat ein. Sie vertrat dort die Deutsche Demokratische Partei.

Aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus stammend, das der „Frauenbewegung“ nahestand, war es für Gusta nicht allzu schwierig, ihren Wunsch nach einer akademischen Ausbildung zu realisieren, auch wenn das für Mädchen um 1900 nicht die Regel war. Nach dem sechsjährigen Besuch der Höheren Töchterschule in Erlangen legte sie 1906 am Alten Gymnasium in Nürnberg extern die Reifeprüfung ab. Unentschieden, welchen Beruf sie ergreifen sollte, besuchte sie zuerst das Lehrerinnenseminar in Ansbach, bevor sie sich zu einem Medizinstudium an der Erlanger Universität entschloss.

Dort waren Frauen seit 1903 zum Studium zugelassen. Gusta gehörte also zu den frühesten Studentinnen an dieser Universität. Im Herbst 1911 war sie die erste Frau, die in Erlangen das medizinische Staatsexamen erfolgreich ablegte. Bis zu ihrer Promotion am 3. April 1914 hatte sie eine andere Kommilitonin überholt.

Einige Monate ihres praktischen Jahres 1912 verbrachte sie an der inneren Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Eppendorf bei Hamburg. Dieser Ausflug in die weite Welt war insofern schicksalhaft, als sie dort ihren späteren Ehemann kennenlernte: Dr. Hans Rath aus Heilbronn.

Die Hochzeit fand 1914 statt, Sohn Wilhelm wurde 1915 geboren, ihm folgte 1917 Tochter Else. Die junge Ärztefamilie ließ sich 1919 in Heilbronn nieder, wo Dr. Hans Rath eine Praxis als Allgemeinmediziner eröffnete, in der seine Frau stundenweise mithalf. Denn zunächst stand für sie die Kindererziehung im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Aber schon ab Mitte der 1920er Jahre entwickelte sie eigene Interessen und Aktivitäten.

Gusta Rath betätigte sich politisch als Mitglied der Heilbronner Frauengruppe der Deutschen Demokratischen Partei, deren Vorsitz sie 1925 übernahm. 1926 wurde sie vom Reichsminister des Innern zur Beisitzerin der Filmprüfstelle in München bestellt und 1929 nochmals auf drei Jahre in diesem Amt bestätigt. 1927 trat dem Bund deutscher Ärztinnen bei und gehörte dort dem Ausschuss für Leibesübungen an. Von 1932 bis 1955 wirkte sie als Ärztin für das Rote Kreuz und war vor allem als Ausbilderin für Rote-Kreuz-Schwestern tätig. Als ihr Ehemann 1939 ein weiteres Mal in den Krieg ziehen musste, führte sie die gemeinsame Praxis allein weiter.

1944 war für Gusta Rath ein Jahr der Prüfungen: am 22. Mai verlor sie ihren Sohn, der über dem Ärmelkanal mit einem Jagdflieger abstürzte, am 4. Dezember ging das Haus der Familie Rath in Flammen auf. Sie stellte sich in den Tagen nach dem verheerenden Bombenangriff auf Heilbronn dem städtischen Krankenhaus, das nach Weinsberg evakuiert worden war, als Ärztin zur Verfügung. Am 9. Januar 1945 zog sie nach Frankenbach und eröffnete dort eine neue Praxis. Nach Kriegsende führte sie diese gemeinsam mit ihrem Mann noch bis 1956 weiter.

Nach einem langen erfüllten Leben starb Gusta Rath am 1. März 1983 in Heilbronn.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Schlösser, Susanne: Pionierinnen unter Äskulaps Stab. Lina Rosina Weßel (1886-1979), Augusta Rath (1885-1983) und Hilde Eyth (1894-1943). In:  Schrenk, Christhard (Hg.): Heilbronner Köpfe IV. Heilbronn 2007 (Kleine Schriftenreihe des Archivs der Stadt Heilbronn 52), S. 267-284.
Bildquelle: Stadtarchiv Heilbronn, Bildsammlung
Autorin: Susanne Schlösser