23. April: Bertha Thalheimer (1883–1959)
Politikerin, Journalistin, Frauenrechtlerin


Bertha Thalheimer
Bertha Thalheimer war eine linke Politikerin, eine Journalistin, eine Frauenrechtlerin. Sie war mit Rosa Luxemburg und Clara Zetkin befreundet und starb am 23. April 1959.

Geboren wurde sie am 17.3.1883 in Affaltrach in eine jüdische Kaufmannsfamilie. Mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder August arbeitete sie ihr Leben lang politisch eng zusammen. Ihre Schwester Anna war vier Jahre jünger. Die Bildung der Kinder lag den Eltern am Herzen und so zog die Familie 1892 nach Winnenden, wo August eine Lateinschule besuchte und Bertha und Anna eine Knabenrealschule. Zusätzlich erhielten die Mädchen Privatunterricht in Sprachen, Literatur und Klavierspiel.

Der Vater verfügte über ein gewisses Vermögen, war aber Sozialist und hatte Kontakt zu führenden Sozialisten, wie etwa Clara Zetkin, Eva und Franz Mehring und Fritz Westmeyer, die des Öfteren zu Besuch kamen. Clara Zetkin wurde für Bertha eine geistige Ziehmutter und es gab seit Anfang des 20. Jahrhunderts einen regen Briefkontakt zwischen Bertha und Clara Zetkin. 1899 zog die Familie nach Cannstatt, wo die Familie näher bei den politischen Freunden war, Bertha und Anna auf eine Mädchenschule gingen und August das Abitur machte.

1905, mit 23 Jahren, ging Bertha Thalheimer nach Berlin, wo sie als Gasthörerin Vorlesungen in Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie besuchte. 1910 wurde sie Mitglied der SPD und gehörte bald dem württembergischen Parteivorstand der SPD an. Sie schrieb für die von ihrem Bruder redigierte Freie Göppinger Volkszeitung und für Clara Zetkins Zeitung Die Gleichheit. Gemeinsam mit ihrem Bruder August und Clara Zetkin kämpfte sie zu Beginn des Ersten Weltkriegs gegen die sogenannte Burgfriedenspolitik, dem Zurückstellen innenpolitischer und wirtschaftlicher Auseinandersetzungen für die Dauer des Kriegs. Zudem sprach sie sich in der Gruppe „Internationale“ unter Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegen den Krieg aus. Sie vertrat diese pazifistische Gruppe auf verschiedenen internationalen Konferenzen. Wegen ihrer Anti-Kriegs-Propaganda wurde sie 1917 verhaftet und wegen versuchten Hochverrats zu zwei Jahren Haft verurteilt. In der Novemberrevolution 1918 kam sie allerdings wieder frei.

Nach ihrer Haftentlassung wandte sie sich dem Kommunismus zu und wurde Gründungsmitglied der KPD, wo sie sich insbesondere dem Thema Frauenarbeit widmete.

Innerhalb der Partei wehrte sie sich gegen den zunehmenden Stalinisierungskurs. Nachdem sie wegen ihrer kritischen Haltung 1929 aus der Partei ausgeschlossen worden war, trat sie der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) bei, die sich gegen eine zu große Nähe zu Stalins Russland aussprach. Sie arbeitete als Rednerin und als Journalistin für die KPO-Zeitung Arbeiterpolitik.

1920 heiratete sie den Mechaniker Karl Wilhelm Schöttle, sie bekamen die Zwillinge Thomas und Ulrich.

Karl Wilhelm ließ sich 1933 von seiner jüdischen Frau scheiden, unterstützte Bertha aber weiterhin finanziell. Er kümmerte sich um die beiden Söhne, die als Halbjuden die Verfolgung überlebten.

Bertha blieb ab 1933 in Stuttgart, wurde aber 1941 gezwungen, in ein „Judenhaus umzusiedeln, bevor sie 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. Sie überlebte das KZ, ausgemergelt und gesundheitlich schwer angeschlagen.

Nach der Befreiung am 5. Mai 1945 kehrte sie nach Stuttgart zurück und versuchte auch ihren Bruder August aus dem kubanischen Exil nach Deutschland zurückzuholen. Aber er starb 1948 in Havanna.

Bertha nahm in Stuttgart ihre politische Arbeit wieder auf. Zunächst trat sie der KPD bei, wechselte dann aber zur innerparteilichen Opposition, die sich nun Gruppe Arbeiterpolitik nannte und sich gegen eine zu große Nähe zu Stalin aussprach. Das Publikationsorgan dieser Gruppe war auch nach dem Krieg die Zeitung Arbeiterpolitik, für die Bertha Thalheimer bis zu ihrem Tod am 23. April 1959 verantwortlich war.

In ihrer Familie galt sie als liebevolle Respektsperson und hatte den Spitznamen „Der Alte Fritz“.

Weiterführende Literatur und Quellen:
Claudia Weinschenk: Bertha Schöttle-Thalheimer. Kommunistin, Friedenskämpferin, Frauenrechtlerin, Journalistin, in: Pro Alt-Cannstatt (Hg.): „Und die Frauen?" Cannstatter Frauengeschichte(n) aus zehn Jahrhunderten, Ludwigsburg 2021, S. 165 - 169.
Eva Schwanitz: Bertha Thalheimer - meine Großmutter, in: Stadtarchiv Winnenden (Hg.): Winnenden. Gestern und heute. Mittendrin und außen vor: Von Bauern, Postboten, Juden und einem desertierten Soldaten, 2012, S.143 - 146.
Theodor Bergmann: Die Thalheimers. Geschichte einer Familie undogmatischer Marxisten, Hamburg 2004.
Bildquelle: Wikimedia Commons
Autorin: Elisabeth Skrzypek

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