22. April: Marie Bernays (1883–1939)
Sozialforscherin und Frauenrechtlerin


Marie Bernays
Marie Bernays gehört zu dem Kreis der Wissenschaftlerinnen im späten Wilhelminischen Kaiserreich, die einen großen Beitrag zur Entwicklung von Sozialforschung und professioneller Sozialarbeit leisteten. Als Nutznießerin des Kampfes der Frauenrechtlerinnen für das Frauenstudium war sie eine der ersten Promovendinnen an der Universität Heidelberg. Für die Frauenbewegung und die politische Partizipation von Frauen in der Weimarer Republik einzutreten, war für die Leiterin der sozialen Frauenschule in Mannheim selbstverständlich.
„Es gibt ein Wort von Demosthenes, das besagt: die besten Frauen sind die, von denen man nicht spricht. Ob das heute noch stimmt, das wollen wir nicht ausmachen, denn da müßten wir die ganze Frauenfrage aufwerfen und da könnten wir noch sehr lange da sitzen. Ich bin überzeugt, daß es heute aber nicht gilt, wenn man sagen würde: die besten Frauenangelegenheiten sind die, von denen man nicht spricht. Ich freue mich immer, wenn hier von Frauenangelegenheiten gesprochen wird ..." Es war die DVP-Abgeordnete und Leiterin der Sozialen Frauenschule in Mannheim, Marie Bernays, die mit leichter Ironie 1924 im Badischen Landtag das Interesse der (männlichen) Abgeordneten an Frauenbildung und die staatliche Wertschätzung sozialer Frauenschulen einforderte. Sonderlich häufig meldete sie sich im Landtag nicht zu Wort Ihre Tätigkeit als Landtagsabgeordnete trägt auch eher den Charakter eines kurzen Intermezzos. Sie gehörte dem Landtag der Republik Baden nur zwischen 1921 und 1925 an. Marie Bernays Hauptinteresse galt der bürgerlichen Frauenbewegung und ihrer Tätigkeit als Schulleiterin. Doch sie war nicht die einzige Politikerin, die freiwillig oder gezwungen die parlamentarische Bühne der ersten deutschen Demokratie verließ. Rasch hatte sich gezeigt, dass viele Hoffnungen, die die Frauenrechtlerinnen des Kaiserreiches mit dem Wahlrecht verbunden hatten, angesichts der übergroßen männlichen Dominanz in den Parlamenten enttäuscht wurden.
Wer war die badische Frauenrechtlerin, die heute nur noch von „Insider*innen" gekannt wird?
Marie Bernays, geboren am 13. Mai 1883, entstammte einer hoch angesehenen bildungsbürgerlichen Familie. Ihr Vater Michael Bernays hatte eine Professur für Literaturgeschichte an der Universität München inne. Entsprechend zeitgenössischer Konvention war ihre Mutter Louise Johanna berufslos geblieben. Der Bildungsgang der Tochter liefert Hinweise darauf, dass für die Professorentochter - ganz unüblich - eine qualifizierte Berufsausbildung selbstverständlich war. Auf die Ausbildung im exklusiven Viktoria-Pensionats in Karlsruhe folgte bis 1904 der Besuch eines Lehrerinnenseminars und das Lehrerinnenexamen in München. 1906 legte sie als Externe das Abitur ab und studierte anschließend Nationalökonomie, Philosophie und Theologie an der Universität Heidelberg. Ihre 1910 veröffentlichte Dissertation über die Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie wurde von Alfred Weber betreut. Die Studie beruhte auch auf eigenen „Erfahrungen" als Fabrikarbeiterin. „Darum versuchte ich im September des Jahres 1908 unerkannt in der 'Gladbacher Spinnerei und Weberei' Arbeit zu finden", schrieb sie im Vorwort ihrer Dissertation. „Es gelang mir über Erwarten gut, ich wurde als Spulerin angenommen und hatte einige Wochen lang die beste Gelegenheit, das Fabrikleben aus nächster Nähe zu beobachten und das Leben und Treiben der Arbeiterinnen als eine der ihrigen zu teilen." Ihre Hoffnungen, habilitieren zu können, scheiterten am Widerstand nicht zuletzt der Brüder Max und Alfred Weber. Wie viele Frauenrechtlerinnen engagierte sie sich während des Ersten Weltkrieges im Nationalen Frauendienst. In Mannheim übernahm sie 1917 die Leitung der Sozialen Frauenschule und führte diese viele Jahre erfolgreich. Offenbar blieb ihr noch Zeit zum Schreiben. Zu ihren zahlreichen Veröffentlichungen zählt eine Darstellung der deutschen Frauenbewegung (1920), in einer „Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen", die sie dem Andenken ihrer „lieben Mutter" widmete.
Die Tochter eines im 19. Jahrhundert zum Protestantismus konvertierten Juden, selbst Protestantin, wurde 1933 von den Nationalsozialisten zur Jüdin gemacht und als Leiterin der Sozialen Frauenschule entlassen. Marie Bernays verließ Mannheim. Sie zog in die Nähe der Benediktiner Erzabtei St. Martin / Kloster Beuron und trat der katholischen Kirche bei. An einer Krebserkrankung leidend verwarf sie Auswanderungsüberlegungen. Am 22. April 1939 starb Marie Bernays, rund ein halbes Jahr, bevor das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfachte.
Weiterführende Literatur und Quellen:
Marie Bernays, Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie dargestellt an den Verhältnissen der Gladbacher Spinnerei und Weberei AG zu München-Gladbach im Rheinland, Komm. u. mit Begleittexten von Silke Schütter, Edierte Neuausg. d. Diss. Leipzig 1910, Essen 2012.
Marie Bernays, Lehrwerkstätten und Schulen in der Textilindustrie, Leipzig 1914.
Marie Bernays, Untersuchungen über den Zusammenhang von Frauen-Fabrikarbeit und Geburtenhäufigkeit in Deutschland, Berlin 1916.
Marie Bernays, Ein Jahr soziale Kriegsarbeit, Karlsruhe 1915.
Marie Bernays,, Die deutsche Frauenbewegung, Leipzig und Berlin 1920.
Marion Keller, Pionierinnen der empirischen Sozialforschung im Wilhelminischen Kaiserreich, Stuttgart 2018.
Bildquelle: Marchivum AB01612-8-088a
Autorin: Sylvia Schraut