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Oktober:
Emma Vely, die Praxis der Preisverleihung im Königreich Württemberg und der „Gender Award Gap“

1824 stiftete König Wilhelm I. von Württemberg die Medaille für hervorragende Leistungen in Literatur, Forschung und Kunst sowie für zukunftsweisende industrielle und technologische Entwicklungen. Sie wurde bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 vergeben. Verliehen wurde sie in verschiedenen Abstufungen, das heißt in einer großen und kleinen Ausführung sowie mit oder ohne Band.
In fast hundert Jahren standen insgesamt 528 Preisträgern gerade einmal 47 Preisträgerinnen gegenüber, wobei das Missverhältnis innerhalb der Wertigkeitsstufen noch eklatanter war. In den Genuss der großen Medaille kamen gerade einmal fünf Frauen (gegenüber 196 Männern). Die Erste war 1871 Ottilie Wildermuth (1817-1877), eine der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit. Ihr folgte Emma Vely (1848-1934) als zweite Preisträgerin überhaupt nach. Sie wurde zwar „nur" mit der kleinen Preisvariante ausgezeichnet, erhielt diese aber immerhin am höherwertigen Band des Kronordens.
Pionierarbeit einer Autodidaktin
Emma Vely reüssierte mit einem „Herzog Karl und Franziska von Hohenheim" betitelten historischen Werk. Ihre Arbeit sei - wie es eine Zeitungsnotiz über die Preisverleihung formulierte - ein „schätzenswerter Beitrag zur Landesgeschichte". Bislang hatte sich die Kenntnis über die Beziehung des Herzogs Carl Eugen zu seiner langjährigen Mätresse und späteren morganatischen Ehefrau weitgehend aus mündlicher und belletristischer Überlieferung gespeist. Mit Velys Publikation lag erstmals eine quellenbasierte Darstellung vor.
Das war allein schon deshalb bemerkenswert, weil Emma Vely als Historikerin Autodidaktin war. Noch lag die Zulassung des regulären Frauenstudiums auch im Königreich Württemberg in der Zukunft (sie erfolgte erst 1904).
Protegierter Zugang zum königlichen Archiv
Als Emma Couvely im hessischen Braunfels geboren, erhielt sie die typisch rudimentäre Schulbildung einer „höheren Tochter", arbeitete anschließend als Gouvernante und unternahm unter dem Pseudonym „E. Vely" erste schriftstellerische Gehversuche. Durch die Heirat mit dem Redakteur und späteren Verleger Carl F. Simon kam sie 1871 in die württembergische Residenz. Sie fand rasch Anschluss an die Stuttgarter Gesellschaft, tauchte in literarische Zirkel ein und bewegte sich in regierungs- und hofnahen Milieus. Ihre Wohnung in der Stuttgarter Kronenstraße 48 wurde sonntags zum intellektuellen Treffpunkt bei Kaffee, Bier und selbstgebackenem Gugelhupf. Kontakte knüpfte sie darüber hinaus zu Mathilde Weber, einer frühen Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung in Württemberg, und zum jüngst gegründeten Schwäbischen Frauenverein.
Auch entdeckte sie ihr Interesse an der württembergischen Geschichte und insbesondere an Franziska von Hohenheim. Protegiert von einflussreichen Hofbeamten und mit ausdrücklicher königlicher Genehmigung, erhielt Emma Vely Zugang zu den bis dato unzugänglichen Quellen des königlichen Hausarchivs.
Von der Traditionsstiftung zur bürgerlichen Frauenbewegung
Emma Velys Recherche entstand in der Zeit, als es auch im Königreich Württemberg um sinnstiftende Traditionsbildung ging. Dazu passte das von Vely entworfene Bild des sich unter segensreichem weiblichem Einfluss vom absolutistischen Despoten zum aufgeklärten Landesvater wandelnden Carl Eugen.
Velys Buch erschien gleich im ersten Jahr in drei Auflagen und wurde viel beachtet. Sogar die renommierte „Historische Zeitschrift" fand anerkennende Worte für das „anmuthige Buch", das wegen der erstmals publizierten Quellen auch für die Geschichtswissenschaft wertvoll sei - bemängelte aber etwas die spekulativen psychologischen Deutungen. Immerhin ein harscher Kritiker unterstellte Vely willfährige Hofgeschichtsschreibung.
Auch wenn in Emma Velys Darstellung der Mythos von „Württembergs gutem Engel" mitschwingt, porträtierte sie Franziska von Hohenheim zugleich als handelnde historische Persönlichkeit. Sie durchbrach damit das damals in der Geschichtsschreibung gängige, einseitige Helden-Narrativ. Diese Sichtweise kündigt bereits ihr späteres publizistisches Engagement für die bürgerliche Frauenbewegung an, das vor allem in ihrer Berliner Lebensphase prägend wurde.
Vely, E[mma]: Herzog Karl von Württemberg und Franziska von Hohenheim. Unter Benutzung vieler bisher nicht veröffentlichter Archivalien. Stuttgart 1876
Vely, Emma: Mein schönes und schweres Leben. 2 Bände. Leipzig [1929]
Blos, Anna: Ein Literaten-Kreis früherer Tage. Erinnerungen an Emma Vely - Aus dem Leben einer Dichterin und Journalistin in Stuttgart. In: Stuttgarter Neues Tagblatt vom 21.07.1932, Abendausgabe
Klein, Ulrich/Raff, Albert: Die Württembergischen Medaillen. 2 Bände. Stuttgart 2003 und 2010
Autorin: Sybille Oßwald-Bargende
Datum: 19.10.2026
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