08. Oktober: Hedwig Wachenheim (1891–1969)
SPD-Sozialpolitikerin und Mitgründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO)


Hedwig Wachenheim, 1956
Viele AWO-Einrichtungen tragen den Namen der gebürtigen Mannheimerin, die 1919 zum mehrheitlich weiblichen Gründungskreis der Organisation gehörte. Als ausgebildete Fürsorgerin und Sozialpolitikerin prägte sie deren Arbeit in der Weimarer Republik.
Hedwig Wachenheim wurde am 27. August 1891 als erste von zwei Töchtern des jüdischen Bankiers Eduard Wachenheim und seiner Ehefrau Maria Margaretha, geb. Traumann, geboren. Ihre Schulbildung war entsprechend standesgemäß: Unterricht durch einen Privatlehrer, Besuch einer Privatschule, danach des Mannheimer Großherzoglichen Instituts, einer höheren Töchterschule. Dazu bemerkte sie später: Sie habe nicht einmal „die vier Grundrechenarten richtig gelernt".
Der Besuch der Sozialen Frauenschule von Alice Salomon in Berlin eröffnete Hedwig Wachenheim 1912 die Chance, aus der Rolle der höheren Tochter auszubrechen und den Beruf der Fürsorgerin zu erlernen. In Berlin trat sie 1914 auch der SPD bei, für die sie sich schon in Mannheim begeistert hatte.
Bei Kriegsbeginn kehrte Hedwig Wachenheim als Mitarbeiterin des Jugendamts nach Mannheim zurück. Alice Bensheimer , damals in leitender Funktion bei der Mannheimer Kriegsfürsorgezentrale, wollte sie gerne als Leiterin einer neuen Berufsberatungsstelle. Diesem Vorhaben widersetzte sich jedoch unter anderem Julie Bassermann , die Vorbehalte gegen die Sozialdemokratin hatte. Da sich Wachenheim in Mannheim auch sozial isoliert fühlte - befreundet war sie nur mit Elisabeth und Arthur Blaustein - ging sie 1916 nach Berlin zurück.
Ihre politische Laufbahn begann Hedwig Wachenheim als ehrenamtliche Vertreterin der SPD in einer Berliner Bezirkskommission des Nationalen Frauendienstes. Beruflich stieg sie von der Mitarbeiterin in der Berliner Milchversorgungsbehörde (1917) zur Referentin in der „Reichszentrale für Heimatdienst" und zur Regierungsrätin in der Reichsfilmprüfstelle (1923) auf. 1928 wurde sie für die SPD in den Preußischen Landtag gewählt. Sie war damit eine Pionierin im höheren Verwaltungsdienst und als Parlamentarierin.
Hedwig Wachenheim zählte zur reformistischen Mehrheit in der SPD; trotzdem war sie mit Mitgliedern des radikalen Flügels befreundet. Obwohl sie an der sozialdemokratischen Frauenpolitik mitwirkte, kritisierte sie deren zu geringen Spielraum. Clara Zetkin schätzte sie zwar als Chefredakteurin der Zeitschrift „Die Gleichheit" und als Gallionsfigur der proletarischen Frauenbewegung, lehnte ihre radikalen Positionen aber ab.
Wachenheims eigentliches Feld war die Sozialpolitik und insbesondere die Professionalisierung weiblicher Sozialarbeit. Bereits 1916 forderte sie in einem Artikel eine Berufsorganisation sowie rechtlich abgesicherte und verbesserte Arbeitsbedingungen für Sozialarbeiterinnen. Dieses Ziel verfolgte sie auch als Mitgründerin der AWO und Mitglied des Hauptausschusses. Seit 1926 Schriftleiterin der Zeitschrift „Die Arbeiterwohlfahrt", leitete und prägte sie ab 1928 die Schule der AWO, die bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten die soziale Arbeit entscheidend professionalisierte.
Wachenheim hatte früh vor einer nationalsozialistischen Machtübernahme gewarnt und verlor 1933 sofort alle Ämter. Als Sozialdemokratin jüdischer Herkunft doppelt gefährdet, entging sie der Verfolgung durch das NS-Regime dank der frühzeitigen Emigration. Über Paris, wo sie Geschichte und Literatur studierte, gelangte Wachenheim 1934 nach London und 1935 schließlich in die USA. Sie lebte von Forschungsaufträgen der New School for Social Research und engagierte sich in der „German Labor Delegation", der Vertretung der deutschen Sozialdemokratie und Gewerkschaften im amerikanischen Exil.
Im Oktober 1945 kam Hedwig Wachenheim als Mitglied der amerikanischen Militärregierung nach Deutschland zurück und wirkte in Stuttgart bzw. in Frankfurt an humanitären Programmen und am demokratischen Wiederaufbau mit. Anfang der 1950er entschied sie sich zur Rückkehr in die USA. Als Stipendiatin forschte sie nun an der Universität von Berkeley und verfasste aus der Perspektive der Wissenschaftlerin und Zeitzeugin ein frühes Standardwerk zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (1844-1914). Am 8. Oktober 1969 starb Hedwig Wachenheim während eines Deutschlandaufenthalts und wurde im Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof in Mannheim beigesetzt.
Weiterführende Literatur und Quellen:

Corinna Schneider: Hedwig Wachenheim (1891-1969), SPD-Politikerin, Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, Verfolgte des Nationalsozialismus - „Vom Großbürgertum zur Sozialdemokratie", in: Mannheimer Geschichtsblätter 29/2015, S. 81-102.
Dieter G. Maier: Hedwig Wachenheim. Für Freiheit, Demokratie und sozialen Fortschritt (Jüdische Miniaturen, Bd. 290), Berlin 2022
Hedwig Wachenheim: Vom Großbürgertum zur Sozialdemokratie. Memoiren einer Reformistin, Berlin 1973
Bildquelle: MARCHIVUM, ABKS00803 (Ausschnitt)
Autorin: Gabriele Pieri
Datum: 08.10.2026

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